Einladung zur Diskussion: Vom American Football lernen

John und ich (zuletzt auch Mark) hatten eine Diskussion über einen seiner Artikel. John vergleicht darin den Zuspieler im Volleyball mit dem Quarterback im American Football. Ein Randthema seines Aufsatzes ist das Vorgeben von Angriffs- und Verteidigungsvarianten vor jedem Spielzug im Football und wie diese Strategien codiert an die Spieler weiter gegeben werden. Das ist ein Thema, das ich bereits seit 2007 mehr oder weniger regelmäßig verfolge.

Ausgangsbasis für mich ist es herauszufinden, was vor allem die Chancen der Defense im Volleyball erhöhen kann. Ein Standardspielzug endet zumindest bei den Männern mit einem krachenden Angriff aus dem K1. Vor allem bei guter Annahme bekommt die Verteidigung so gut wie nie einen echten Doppelblock zustande. Mit anderen Worten: Der Angreifer hat freie Fahrt. Was also, wenn ich auf der Basis von Scoutings meine Defense auf einen bestimmten Angriff in der nächsten perfekten Situation ausrichte? Spielt der Gegner wie erwartet, steigen unsere Chancen darauf, den Ball zu verteidigen. Haben wir uns „geirrt“, ist das Ergebnis dasselbe als hätten wir versucht alle Angreifer des Gegners zu verteidigen. Der Ball schlägt krachend in unserem Feld ein. Seht euch doch mal die Diskussion zum Thema an. Ich freue mich, wenn ihr uns eure Gedanken dazu – hier oder auf John’s Seite – im Kommentarbereich hinterlasst.

Als Stoff zum Hineindenken ins Thema kopiere ich euch hier noch meine Hausarbeit zum B-Trainerschein aus dem Jahr 2007 hin. Ich habe sie so gelassen, wie ich sie damals abgegeben habe, sie spiegelt auch meinen Wissenstand vor acht Jahren wider. Dieser hat sich (hoffentlich) vergrößert.

 

Thema

Kann der K2 (und verlängerte K1) im Volleyball von Defense-Systemen im American Football profitieren und dadurch erfolgreicher sein?

Danksagung

Ich bedanke mich bei Head Coach Dogan Özdincer und Offensive Coordinator Clifford Madison von Football-Bundesligist Berlin Adler für die Unterstützung bei meiner Recherche zur Arbeit.

Einleitung

Im modernen Volleyball dominiert auf hohem Niveau der Angriff. Durch die enorme Schnelligkeit des Spiels bedeutet (vor allem im Männerbereich) ein normaler Angriff fast immer einen direkten Punkt. Im folgenden soll die Frage geklärt werden, ob durch die Orientierung der Abwehr in eine bestimmte Angriffsrichtung die Chancen auf eine erfolgreiche Abwehr/einen erfolgreichen Block gesteigert werden können.

In der Arbeit sollen zunächst die Anforderungen an die Verteidigung in den Sportarten American Football und Volleyball verglichen werden. Anschließend werde ich in groben Zügen ein Defensesystem im Football skizzieren und durch Vergleiche der einzelnen Aufgaben und Taktiken in beiden Sportarten mögliche Parallelen herausarbeiten.

Zum Abschluss sollen dann Schlussfolgerungen für mögliche (neue) Volleyball-Taktiken und die Konsequenzen fürs Training gezogen werden.

Als Grundlage für die Diskussion sollen lediglich Basis Football-Taktiken herangezogen werden. Die Hinzunahme von Spezialisierungen (bei Profiteams etwa 300 Varianten) ist an dieser Stelle nicht möglich. Zudem soll zunächst erarbeitet werden, ob es grundlegende Parallelen gibt.

Im ersten Teil der Arbeit werden die Football spezifischen Informationen ausführlicher behandelt, da diese Arbeit im Zusammenhang mit einer Trainerausbildung in der Sportart Volleyball eingereicht wird.

Die Volleyball spezifischen Neuerungen werden nur beispielhaft bearbeitet, um sich dem Thema in einem ersten Versuch anzunähern.

I. Verteidigungssysteme im Volleyball und American Football – die Anforderungen

1 Grundsätzliche Anforderungen an die Sportler

1.1 Bewegungsstruktur: Im Volleyball sind vor allem dreiphasige azyklische Bewegungen wichtig. Kurze Läufe, um den Ball zu erreichen, zeigen zwar zyklische Komponenten, fallen aber eher weniger ins Gewicht. Im Football sind die Anforderungen umfangreicher. Dreiphasige azyklische Bewegungen sind ebenfalls wichtig. Durch die Größe des Spielfeldes kommt allerdings den zyklischen Bewegungen (Laufen, Sprints) viel größere Bedeutung zu.

1.2 Belastungsstruktur: Volleyball ist in allen Leistungsbereichen ein Sportspiel mit zeitlich kurzen Intervallbelastungen (durchschnittlich acht Sekunden), unter Vorherrschung anaerob-alaktazider und aerober Energiebereitstellung (Der Volleyballtrainer, Peter Meyndt, Horst Peters, Arno Schulz, Michael Warm, 2003, S. 13). Die Pausen zwischen den Ballwechseln liegen im Schnitt bei 12 Sekunden. Im Football dauert ein Spielzug im Schnitt 3-4 Sekunden. In einigen Fällen kommen Angreifer mit dem Ball durch und können weitere 5 bis 10 Sekunden damit laufen. Die Pause zwischen den Spielzügen ist durch die Regeln auf 45 Sekunden begrenzt, meist beginnt er nach 35 Sekunden Pause. Wobei die Pause für einige Spieler dadurch zeitlich begrenzt ist, dass sie von entfernteren Orten des Spielfelds in den Huddle (kurze taktische Besprechung in der Nähe der Startlinie für den folgenden Spielzug) zurück kehren müssen.

1.3 Technik/Taktik: Im Volleyball gibt es für die drei Netzpositionen Spezialisten, die auf die Anforderungen ihrer Position besonders gut vorbereitet sind. Durch das Rotationsprinzip müssen aber auch Blockspezialisten für drei Rotationen in der Feldverteidigung im Hinterfeld agieren. Zudem gibt es für die freien Blockspieler ebenfalls Feldverteidigungsaufgaben. Die technischen und taktischen Anforderungen für Volleyballspieler in der Verteidigungsarbeit sind also relativ vielseitig und komplex. Als reiner Abwehrspezialist steht der Libero zur Verfügung. Im American Football ist die Spezialisierung nicht durch die Regeln begrenzt. Hier werden für die jeweilige Verteidigungsposition (drei verschiedene Abwehrreihen, acht verschiedene Unterspezialisierungen) Spieler mit unterschiedlichen athletischen und taktischen Kompetenzen ausgewählt.

2 Aufgaben der Verteidigung in den Sportarten Volleyball und American Football

2.1 Grundidee: Im Volleyball ist es im K2 (erweiterter K1) die vordringliche Aufgabe zu verhindern, dass der Ball den Boden berührt. Die erste Chance dazu hat als erste Verteidigungslinie der Block. Er verhindert, dass der Ball überhaupt in die eigene Feldhälfte kommt oder verlangsamt den Angriffsball so, dass die Feldverteidigung anschließend bessere Erfolgschancen hat. Erste Aufgabe der Verteidigung im Volleyball ist es also den angegriffenen Ball im Spiel zu halten. Im Football gilt es für die Verteidigung (spezialisierte Spieler, die in der Regel nur auf einer bestimmten Position agieren) Raumgewinn der gegnerischen Offense zu verhindern. Sie verteidigt die eigene Endzone, die das Angriffsteam mit dem Ball erreichen will.

2.2 Techniken: Im Volleyball stehen der Feldverteidigung die Techniken Block (mit Untervarianten), untere und obere Abwehr zur Verfügung. Um eine optimale Position zum Ball zu haben, hat die Beinarbeit eine entscheidende Rolle. Für Bälle, die nicht erlaufen werden können, werden Abwehrrolle und Abwehrbagger eingesetzt. Im Football werden Ballträger durch Körperkontakt zu Boden gebracht. Nur dann gilt er als gestoppt. Der geworfene Ball kann auch „abgeschlagen“ werden, um so einen vollständigen Pass zu verhindern. Eine Alternative ist es, dem Ballträger den Ball aus der Hand zu schlagen und anschließend für das eigene Team zu sichern. Zudem haben Verteidigungspieler die Aufgabe, Blocks gegnerischer Angreifer zu überwinden, um zum Ballträger zu gelangen. Auch hierfür gibt es unterschiedliche Bewegungen wie eine „Schwimmbewegung“, Drehungen oder das „Überlaufen“ des Blockspielers, wenn dieser seinen Körperschwerpunkt falsch gewählt hat. Eine große Bedeutung haben im Football auch die verschiedenen Lauftechniken, da der Abwehrspieler, bevor er den Ballträger erreicht, meist größere Distanzen und unter Umständen mehrere Richtungswechsel schaffen muss. Für die meisten Abwehrspieler ist es ebenfalls wichtig, geworfene Bälle (ab)fangen zu können, sie also dem anvisierten Angriffsspieler wegzuschnappen.

2.3 Antizipation: Volleyball ist vor allem auf oberem Niveau sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen sehr schnell geworden. Eine gute Antizipationsfähigkeit ist zentrale Anforderung an eine erfolgreiche Abwehr. Dabei ist das Beobachtungsfeld relativ komplex. Bis zu fünf potentielle Angriffsspieler, die Flugkurve des angenommenen Balls, das Zuspielerverhalten und bekannte Handlungsmuster sind die wichtigsten Anhaltspunkte. Im American Football hat ein Abwehrspieler entweder die Aufgabe, eine bestimmte Zone oder einen Spieler zu decken. Die Anforderungen an die Antizipationsfähigkeit sind auch hier groß, da vor allem Entscheidungen über die Richtung einer Bewegung innerhalb des Bruchteils einer Sekunde gefällt werden müssen.

3 Sportspezifische Ziele

Im Volleyball geht es entweder darum zu verhindern, dass der Ball im eigenen Spielfeld auf den Boden fällt, oder darum, den Ball auf der Seite der gegnerischen Mannschaft auf den Boden zu bringen. Bei jedem Ballwechsel geht es um einen Punkt. Ziel im Football ist es, Raumgewinn zu erzielen bzw. zu verhindern. Es geht um Feldposition, also um die Ausgangsposition bei Beginn des eigenen Angriffszuges. Gepunktet wird beim Erreichen der gegenerischen Endzone. Pro Spiel (auf Zeit) wird im Schnitt etwa fünf- bis zehnmal gepunktet.

4 Zusammenfassung der Anforderungen und deren Übereinstimmungen

Vor allem in den Belastungs- und Bewegungsstrukturen beider Sportarten gibt es deutliche Übereinstimmungen. Die größten Unterschiede liegen hier in der Größe des Spielfeldes. Im Football müssen größere Distanzen zurück gelegt werden. Die Techniken werden im Football durch den Körperkontakt beherrscht. Bis zum Ball-/Körperkontakt ist in beiden Sportarten die Beinarbeit entscheidend. Die Herausforderungen an die Antizipationsfähigkeit sind ebenfalls ähnlich hoch. Unterschiede bestehen vor allem bei den Zielen eines Spielzuges (Punkt- bzw. Raumgewinn) und den Aufgaben der Verteidigung. Während es im Volleyball darum geht, den Ball im Spiel zu halten, sind die Abwehrspieler im Football bemüht, den Ball abzufangen oder den Ballträger zu Boden zu bringen. Im Volleyball sind die Mannschaften durch ein Netz getrennt, im Football kommt es zwingend zu Körperkontakt und die Angreifer dringen in den Abwehrbereich ein und umgekehrt.

II. Die Verteidigung im Volleyball und American Football

1 Bedeutung und Komplexität von AbwehrSPIELZÜGEN in beiden Sportarten

1.1 Volleyball: Im Volleyball wird bislang vor allem in den Blockpositionen am Netz taktisch „gespielt“. Innenstart- und/oder Außenstartposition (teilweise auch gemischt), die Verabredung mit dem Schnellangreifer oft mitzuspringen oder nicht sowie die Positionierung des Blocks gegen einen vermuteten Longline- oder Diagonal-Angriff sind hier die wichtigsten Maßnahmen, die vor Beginn eines Ballwechsels verabredet werden. Variationen sind dann erforderlich, wenn der Zuspieler auf der anderen Seite am Netz steht, oder es einen Hauptangreifer auf der anderen Seite gibt. Änderungen werden in der Regel während einer Auszeit besprochen und gelten dann meist bis zu einer erneuten Taktikänderung. In der zweiten Verteidigungsreihe im Volleyball, den drei Grundspielern, gilt es zunächst, die vom Block offen gelassenen Zonen abzudecken. Weitere Anhaltspunkte sind die jeweilige Schlaghärte und Schlaglänge der verschiedenen Angreifer. Hier wird die Taktik in der Regel vor dem Spiel festgelegt und nur geändert, falls die Erwartungen von der Realität abweichen.

1.2 Im American Football spielen die jeweils zuständigen Trainer eher eine Art Schach gegeneinander. Je nach Ausgangslage (noch zu gehende Distanz, wie viele noch zur Verfügung stehende Versuche dafür und bekannte Strategien der gegnerischen Coaches etc.) wird zunächst festgelegt, ob man eher einen Lauf- oder Passspielzug vermutet. Anschließend wird die Verteidigung so aufgestellt, dass man auf möglichst viele der in Frage kommenden Varianten vorbereitet ist. Dabei hat die erste Verteidigungsreihe die Aufgabe, den Lauf zu stoppen. Die ein oder zwei in der Mitte der Linie postierten Spieler halten dabei die Mitte (vergleichbar mit dem Mittelblocker beim Volleyball) und die beiden außen an der Linie postierten Spieler (vergleichbar mit den Außenblockspielern) sollen verhindern, dass ein in die Breite angelegtes Laufspiel Erfolg hat. Die dahinter postierte Reihe (drei oder vier Linebacker) hat je nach angesagter Taktik prioritär Aufgaben gegen den Lauf oder den Pass. Die dritte Verteidigungsreihe ist zunächst gegen ein Passspiel aufgestellt und unterstützt die anderen Verteidiger im Falle eines Laufs (siehe auch Anhang 1). Alle Spieler schalten aber sofort um, sobald sie ihre Aufgabe erfüllt haben und helfen an anderen Stellen aus. Zudem gibt es mit dem Free Safety einen „letzten Mann“, der den Ballträger auch bei „falscher“ Defense noch stoppen kann. Da sich die Mannschaften im Football bevor der Ball ins Spiel gebracht wird einige Sekunden lang gegenüber stehen, haben beide Seiten Zeit zu sehen, ob der Gegner sich den Erwartungen entsprechend aufgestellt hat und nehmen gegebenenfalls Änderungen in der Angriffs- oder Verteidigungstaktik vor. Deshalb ist eine Verschleierung, ein Verdecken, des eigentlich geplanten Spielzugs von herausragender Bedeutung. Erst im letzten Augenblick oder in der ersten Phase des laufenden Angriffs, zeigt die Verteidigung ihr Deckungsschema.

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1.3 Angreifer: Im Volleyball wird das Spiel über den Zuspieler gelenkt. Die vergleichbare Position im Football ist der Quarterback. in beiden Sportarten sind die Spielmacher erst als Zweite am Ball. Im Volleyball steht vor dem Zuspiel die Annahme/Feldabwehr, im Football der Snap durch den Center (ruhender Ball). Der Zuspieler verteilt den Ball auf seine Angreifer, ebenso der Quarterback im Football. Stehen dem Zuspieler vor allem Pässe parallel zum Netz zur Verfügung, hat der Football-Quarterback die Möglichkeit, den Ball an einen Running Back zu übergeben oder mit einem lateralen Wurf von unten zu spielen, sowie durch Würfe seine Receiver anzuspielen. Dabei kann der Ball sowohl in der Breite als auch in der Tiefe auf alle nur erdenklichen Zielpunkte gespielt werden. Die Dimension der Tiefe spielt im Football eine große Rolle. Der Angriff versucht auch, beim Passspiel Lücken zwischen den Verteidigern zu finden.

2 Schlussfolgerungen

Football wird zwar 11 gegen 11 gespielt, doch es dürfen nur sechs der Spieler einen Pass fangen oder mit dem Ball laufen. Im Volleyball stehen insgesamt bis zu sechs Angreifer zur Verfügung. Nach den ersten Untersuchungen könnte ein Laufspiel im Football mit einem Schnellangriff im Volleyball verglichen werden. Das Passspiel entspräche dann einem Volleyballangriff im dritten oder vierten Tempo. Allerdings stellt die Tiefe der Pässe im Football einen wesentlichen Unterschied zum Volleyball dar. Zudem steht im Volleyball die erste Verteidigungslinie (Block) in jedem Fall zur Abwehr des Angriffs zur Verfügung. Im Football dagegen, ist die Linie bei einem Passpiel in der Regel nicht in die Abwehrarbeit einbezogen. Dafür kann sie die Linie zwischen Offense und Defense überschreiten und Druck auf den Quarterback ausüben und damit den gegnerischen Angriff aus der Balance bringen. Diese Funktion übernimmt im Volleyball der vorangegangene eigene Angriff oder der Aufschlag. Im Football versuchen die Trainer die für den erwarteten Angriff beste Verteidigung aufzustellen, die dann vor allem auf eine Aufgabe ausgerichtet ist. Dabei gilt es bis zuletzt die eigene Verteidigungstrategie zu verschleiern und zum anderen einen „letzten Mann“ zu haben, der im Notfall noch den Ballträger stoppen kann. Wenn wir im Volleyball von Ideen einer Football-Defense profitieren wollen, muss geklärt werden, ob es möglich ist, die eigene Taktik zu verdecken und für Notfälle einen „letzten Mann“ zu haben, der zum Beispiel einen nicht hart aber platziert geschlagenen Ball noch abwehren kann. Ferner gilt es zu untersuchen, ob durch neue Aufstellungen die Chancen auf eine erfolgreiche Feldabwehr gesteigert werden können.

III. Genügen die Übereinstimmungen für neue Wege im Volleyball?

1. Aus Sicht des Autors überwiegen die Übereinstimmungen zwischen den Sportarten Volleyball und American Football die Unterschiede. Schon aus diesem Grund kann der nächste Schritt gegangen und unter der Einbeziehung der Grundlagen einer Football-Defense neue Strategien für eine Verteidigung im Volleyball ausgearbeitet werden. Besondere Aufmerksamkeit muss dabei der praktischen Umsetzung solcher Strategien gelten. Reicht zum Beispiel die zur Verfügung stehende Zeit aus, um Block- und Abwehrspieler so kurz vor einem Angriff noch umzupositionieren, dass der Angreifer selbst nur noch einen leichten Ball in die Lücke spielen oder aber mit vollem Schwung in die Abwehrformation hinein schlagen kann? Kann eine solche Formation tatsächlich die Erfolgschancen erhöhen? Wird es mehr abgefangene Bälle geben, als Punkte verloren gehen, weil bewusst Lücken in Kauf genommen werden?

IV. Neue Abwehrstrategien im Volleyball

1. Die erste Möglichkeit, den Angriff zu stoppen, ist der Block. Die Herausforderung auf hohem Niveau besteht darin, dass die Pässe so schnell kommen, dass es schwierig ist, einen kompakten Block zu stellen. Die Folge sind fliegende instabile Blocker. Um den Block zu stärken, müsste also den Blockspielern vorgegeben werden, ob sie auf der Position IV oder II blocken sollen. Eine Möglichkeit besteht darin, den Mittelblock kurz vor dem Zuspiel auf die entsprechende Seite zu schicken. Der verbliebene freie Blockspieler müsste dann die andere Seite oder den Schnellangriff übernehmen. Bei Außenstartposition bleibt der Schnellangreifer ungedeckt. Soll vor allem der Schnellangriff geblockt werden, springt der Mittelblock in jedem Fall mit, die beiden Außenblocker sind auch für einen Einerblock außen zuständig. Die verschiedenen Variationen für Innen- und Außenstart sind in Anhang 2 dargestellt. Entsprechend diesem System ergeben sich die Aufstellungen für erwartete Schnellangriffe weiter vom Zuspieler entfernt oder einen Kombinationsangriff über Rückraum/Mitte, die hier nicht gesondert dargestellt sind. Eine Möglichkeit besteht auch darin, immer auf einen Dreierblock zu setzen und ihn entsprechend aufzustellen. Das bedeutet allerdings auch, dass die Mitte und die andere Außenposition ohne Block bleiben. Bei einer Entscheidung für die Stärkung des Blocks gegen eine Angriffsposition ist es besonders wichtig, zuvor mit Aufschlag oder Angriff großen Druck erzeugt und möglichst auch ein bestimmtes Zuspiel erzwungen zu haben. Bei guter Annahme müsste wohl auf eine Basis-Aufstellung zurück gegangen werden, die der jetzt üblichen entspricht. Denn hat der Zuspieler alle Möglichkeiten, würde eine entsprechende Strategie eher einem Glücksspiel denn einem Schachspiel entsprechen.

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2. Ein klarer, fest positionierter Block kann auch die Chancen der zweiten Verteidigungsreihe erhöhen. Denn die Grundspieler können sich weitaus mehr auf den Block verlassen, was die tatsächlich zu verteidigende Fläche verringert. Der Block müsste bei vorzeitiger Entscheidung für eine Angriffsposition den Angriff die Linie runter und in die lange Diagonale abdecken können. Demnach müssten sich die drei Grundspieler auf folgende Punkte konzentrieren: scharfe Diagonale, Blockabpraller, Lobs. Erste Priorität muss dabei der scharfen Diagonale gelten, da hier der schärfste Angriff erfolgt. Das bedeutet, dass mindestens zwei der drei Spieler diese Zone abdecken müssen, möglicherweise sogar drei. Im ersten Fall fungiert der „freie“ Feldverteidiger als „letzter Mann“. Er ist zuständig für Lobs und Abpraller. Die Variationen sind in Anhang 3 dargestellt. Im Fall, dass der Block nicht auf der richtigen Seite steht, wird ein Einerblock gebildet, die zwei blockfreien Spieler helfen dabei der Abwehr in der scharfen Diagonale oder bei Lobs aus (siehe ebenfalls Anhang 3). Die Grundspieler bleiben bei ihrer Positionierung, allerdings nimmt die Position VI eher die lange Diagonale.

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V. Umsetzung

1. Verschleierung: Block und Feldabwehr dürfen erst im letzten Augenblick ihre Absicht offenbaren, müssen aber rechtzeitig starten, um tatsächlich auch stabil zu stehen. Das Timing für den Wechsel in die tatsächlichen Abwehrpositionen ist von enormer Bedeutung und muss kurz bevor der Ball die Hand des Zuspielers erreicht erfolgen. Zur Verschleierung können auch Bewegungen der Abwehr- und Blockspieler zu einem früheren Zeitpunkt genutzt werden (siehe Anhang 4).

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2. Training: Im Training muss neben der situationsspezifischen Reaktion auf unerwartete Situationen vor allem das Timing für die Positionswechsel eingeübt werden. Denn die Verschleierung der Hauptabwehrrichtung muss so lange wie möglich verdeckt bleiben. Zudem gewänne der Außenstart im Block wieder an Bedeutung.

3. Kommunikation: Um die Spielzüge/Strategien ansagen und gegebenenfalls kurzfristig ändern zu können, müssen eine Zeichensprache und auch Codewörter entwickelt werden. So können der Trainer von außen vor Beginn des Ballwechsels und der verantwortliche Abwehrspieler (idealerweise der Libero) auch mitten im Ballwechsel die Strategie vorgeben.

4. Folgen für den Angriff: Sollte ein hier zuvor skizziertes Abwehrsystem Erfolg haben, hätte das Auswirkungen auch auf den Angriff. Kombinationen und gezielte Schläge/Lobs würden an Bedeutung gewinnen. Das periphere Sehen würde noch wichtiger.

VI. Fazit

Der Vergleich der Verteidigung in den Ballsportarten Volleyball und American Football hat große Ähnlichkeiten und theoretische Möglichkeiten für den Volleyballsport aufgezeigt, von Ideen aus dem Football zu profitieren. Allerdings ergeben sich auch wichtige Fragen, die wohl nur in einem Praxistest beantwortet werden können:

1. Gelingt es mit den hier vorgestellten Beispielen, die Abwehrchancen tatsächlich zu verbessern? Das heißt: Erhöhen wir die Blockerfolge und die Möglichkeiten für die Feldabwehr, den Ball im Spiel zu halten? Oder werden der Feldabwehr wie zuvor die meisten Bälle „um die Ohren“ gehauen?
2. Reicht die Zeit aus, um im letzten Augenblick auf die Abwehrposition zu wechseln und anschließend stabil zu stehen?
3. Kann während eines Spielzuges noch effektiv kommuniziert werden, um auf eine veränderte Situation zu reagieren? Denn bleibt nach einer schlechten Annahme nur noch ein hoher Ball auf die Position 4 und man hat sich zuvor auf die Verteidigung eines Angriffs über die Position 2 des Gegners vorbereitet, dann muss der Libero einen Wechsel ansagen können.
4. Wer profitiert mehr von einem solchen System: Männer- oder Damenteams? Ist es unter Umständen nur entweder für Männer- oder Damenteams hilfreich?

Auch vor Beantwortung dieser Fragen liegt für mich die Vermutung nahe, dass zwar mehr Bälle ohne Abwehrversuch einschlagen werden, dafür aber die Chancen für einen erfolgreichen Block/eine erfolgreiche Abwehr deutlich ansteigen.

Das Sytem ist insgesamt ausbaubar. Andere Aufstellungen für speziellere Situationen und auch andere Ideen zur Verschleierung können ausgearbeitet werden.

2 thoughts on “Einladung zur Diskussion: Vom American Football lernen

  1. Ich hab schon mal (im 20. Jahrhundert) ein Offense-Playbook für ein Männerteam in Mönchengladbach entwickelt. Dies war ein erster Versuch und ich würde sagen, er ist gescheitert. Das System war nicht flexibel genug und auch für das Leistungsniveau nicht angemessen. Aber es hat den Meisten (inklusive mir) ne Menge Spaß gemacht 🙂

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