Gefühlte Wahrheiten

Diskussionen sind nicht mehr das, was sie mal waren. Jetzt klinge ich schon wie meine Eltern und Großeltern. Aber es ist halt so. Ich kann mich sehr gut an die intensiven Gespräche (oder Auseinandersetzungen) aus meinen Jugendtagen erinnern. Da flogen die Fakten und Meinungen nur so hin und her. Und heute? Es hat den Anschein, als wären gefühlte Wahrheiten viel gewichtiger als Fakten. Wen interessieren schon noch wissenschaftliche Erkenntnisse, wenn man stattdessen eigene „gefühlte Erfahrungen“ ins Feld führen kann? Und das (für mich) Ungewöhnliche: Wer so denkt, steht bei Weitem nicht alleine da.

Es ist ein Trend. Ein Trend, der gerade richtig an Fahrt aufnimmt. Längst hat er auch die Spieler und Trainer aller Sportarten erreicht. Wie soll ich mich aber mit jemandem auseinander setzen, der Fakten weder akzeptiert noch überprüft, mir dafür aber im Brustton der Überzeugung von seinen „gefühlten Erfahrungen“ berichtet und die als allgemein gültige und unumstößliche Wahrheiten präsentiert?

Es ist zum Mäusemelken (wie mein Vater zu sagen pflegt).

Wizards-Interview mit Carl McGown kostenlos zum Nachlesen

Dr. Carl McGown, einer der einflussreichsten Trainer der Welt, ist in den USA verstorben. Ich will an dieser Stelle nicht auf seine vielen Erfolge hinweisen. Vielleicht ohne es zu wissen, wendet wohl jeder Trainer der Volleyball-Welt Wissen an, das auf Carl McGown zurück geht. Ich habe mich in diesem Blog ebenfalls schon auf ihn berufen. Hier und hier.

Anlässlich seines Todes haben Mark und John das Interview mit Carl McGown aus ihrem ersten Buch zum großartigen Projekt „Volleyball Coaching Wizards“ für alle freigegeben. Hier geht’s zum PDF. Das Lesen des gesamten Buches empfehle ich dennoch allen Trainern.

TV-Stream: Hilfe, mir wird schwindelig

Ich weiß, dass es eine weitere Kraftanstrengung (auch finanzieller Natur) für jeden Bundesligisten ist, einen Livestream für Sportdeutschland.TV zu produzieren. Natürlich sind die Leute, die da an der Kamera stehen, keine Profis. Aber warum versuchen dann immer wieder Nicht-Profis wie die Profis zu filmen? Das Ergebnis ist nicht selten im wahrsten Sinne des Wortes schwindelerregend.

Nun habe ich mal gehört, weiß es aber nicht mit Sicherheit, dass zu den Produktionsbedingungen gehört, das „leichte“ Schwenks der Kamera verpflichtend seien. Das, was mir am besten gefiele, nämlich das gesamte Spielfeld auf einen Blick zu sehen, fiele damit weg. Aber egal wie die an die Vereine gestellten Forderungen sind: So, wie zuletzt sogar bei den BR Volleys zu sehen, kann es nicht gemeint sein.

Das Pokalspiel zwischen Berlin und den United Volleys ging für mich grandios los. Nämlich ganz ohne Schwenks.

Dann brach der Stream ganz ab und als er wieder da war, war der Bildausschnitt nicht nur sehr viel kleiner geworden, sondern es wurde auch noch wild hin und her geschwenkt. Die Folge: Lange Bälle verschwanden aus dem Bild und wurden dann in schindelerregendem Tempo wieder „eingefangen“, sprich die Kamera raste dem Ball hinterher, wobei dann aber wieder die andere Spielfeldhälfte aus dem Blick verschwand.

Eine (nicht viel bessere) Alternative boten die BR Volleys dann beim Heimspiel am Wochenende gegen die SWD powervolleys Düren. Die Schwenks wurden kürzer, nun war aber keine Spieldfeldhälfte mehr ganz zu sehen.

Mich haben diese „Produktionen“ überrascht. Die BR Volleys boten im vergangenen Jahr durchweg exzellente Livestreams an. Was ist passiert? Die zuletzt gezeigten Streams jedenfalls waren zum Abgewöhnen und schlichtweg nicht sehbar.

Nochmal: Mir ist klar, dass da keine Profis am Werk sind und so ein Livestream eine echte Kraftanstrengung ist. Aber wenn man ihn doch nunmal anbieten muss, kann das dann nicht mit genau so viel Verstand wie all die anderen Dinge, die die BR Volleys anpacken, geschehen? Das, was zuletzt zu sehen war, war schlichtweg unprofessionell.

Vielleicht hilft es auch, wenn die für den Stream Verantwortlichen die jüngsten Produktionen selbst noch mal komplett anschauen müssten…

Wenn du denkst, Beachvolleyball hilft für die Halle, dann lies das

Mark twitterte vorgestern einen Link zur beeindruckenden Erfolgsgeschichte des ukrainischen U20-Spielers Oleh Plotnytskyi, der nach tollen Ergebnissen im Sand nun auch mit seiner Junioren-Nationalmannschaft bei den U20-Europameisterschaften im wahrsten Sinne des Wortes einschlug. Den Link ergänzte Mark mit folgenden Worten: „Wenn du denkst, dass Spieler entweder Beach ODER in der Halle spielen sollen und nicht beides, dann lies das hier.“

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Der Mythos von der leistungssteigernden Super-Prämie

Die Welt ist voll von allgemein anerkanntem und nicht mehr hinterfragtem „Wissen“. Ein Gerücht, das sich hartnäckig hält ist, dass eine hohe Prämie zu höherer Leistung motiviert. Im Sport, in der Wirtschaft, in der Schule. Nach dem Debakel der deutschen Schwimmer echauffierte sich jetzt der Ex-Schwimmer Markus Deibler mit folgender Stammtischparole: „In einem Land, in dem ein Olympiasieger 20.000 Euro Prämie bekommt und ein Dschungelkönig 150.000 Euro sollte sich niemand über fehlende Medaillen wundern.“ Und eine ganze Nation lacht und jubelt. Die großen Medien feiern diese Aussage und verbreiten sie unkommentiert weiter.

Damit liegen die deutschen Medien voll im Trend. Wie schon Mark bei der Erfindung seines Trinkspiels anlässlich gut gemeinter TV-Kommentare bei Volleyballspielen feststellte, ist es um das echte Wissen bei den so genannten Experten schlecht bestellt. Und auch ein Artikel aus dem Juli, den ich in dieser Woche las, bestätigt, dass dies ein international gültiges Problem ist. (Und dass auch ich immer wieder auf solch „allgemein anerkanntes Wissen“ hereinfalle.)

Doch Deibler und mit ihm die deutsche Öffentlichkeit diskutiert das falsche Thema. Hätte er die finanzielle Unterstützung bei der Vorbereitung, also im Training, ins Spiel gebracht, hätte seine Kritik sicher gegriffen. Aber dass eine hohe Prämie zu größerer Leistung anspornt, ist ein Mythos. Und der ist wissenschaftlich schon Anfang des vergangenen Jahrhunderts widerlegt worden. Die Kurzfassung: Extrinsische Motivation (Belohnung und Bestrafung) funktioniert nur bei einfachen, geradlinigen Aufgaben wie z.B. Fließbandarbeiten. Wird es komplexer, also zum Beispiel im Sport, sind die Auswirkungen extrinsischer Motivation bestenfalls neutral, oft aber sogar negativ. Ausführlich wird das in diesem sehr unterhaltsamen und lehrreichen Video erklärt.

Wissenschaftlich untermauerter Fakt ist: Auch eine Millionenprämie kann die Leistung eines Sportlers nicht steigern. Dies geht nur durch seine eigene (intrinsische) Motivation. Und ganz nebenbei: Hätte die Leistung der deutschen Schwimmer etwas mit der Höhe der Medaillenprämie zu tun, dürfte der Rest der Olympiamannschaft ja auch keine Medaillen holen. Denn die bekommen ja dieselben Prämien…