What Is Your Message? Gibst du Hilflosigkeit zu oder tust du als ob?

Das war eine wilde Volleyball-Woche. Wild im Sinne von emotional. In den vergangenen Tagen sah ich drei Spiele des Projekts „United Volleys“ auf Sportdeutschland.TV. Ich mag spannende Projekte und die United Volleys gehören ganz sicher zu den spannendsten, die wir in Volley-Deutschland haben. Bereits in der ersten Partie gegen den TV Rottenburg fiel mir auf, wie häufig United-Kapitän Christian Dünnes beim Schiedsrichter vorsprach. Abgesehen davon, dass eine Beschwerde über Entscheidungen zu Bällen im Aus, Netz- und Blockberührungen oder technischen Fehlern meines Wissens noch nie zu einer Umkehr der ursprünglichen Entscheidung geführt haben, stört das auch gehörig den Spielfluss.

Passend (bis auf eine Ausnahme) und vor allem ehrlich fand ich allerdings die zahlreichen Emotionen, die die beteiligten Trainer zeigten. Michael Warm für die United Volleys, Hans Peter Müller-Angstenberger für den TV Rottenburg und Roberto Serniotti für die BR Volleys waren Feuer und Flamme und sagten schon auch mal durch Gesten und Worte dem Schiedsgericht Bescheid. Diese Emotionen erinnerten mich an eine Diskussion, die ich mit Mark Lebedew Anfang November führte (Marks Schlagzeile war „What Is Your Message?“) und in der Mark u.a. betonte, dass ein Trainer nach außen hin so erscheinen müsse, als habe er die Sache unter Kontrolle. Und dafür sei es notwendig innerhalb des eigenen Charakters zu schauspielern, also so zu tun, als sei man ruhig, habe die Dinge unter Kontrolle etc. Der Grund: Das Team könne sich dann am Trainer orientieren.

Wir haben die Diskussion an einer Stelle abgebrochen, weil wir hier ganz offensichtlich nicht zusammen kamen. Die Beobachtungen des vergangenen Wochenendes haben mich in meinem Standpunkt bestärkt: Wenn jemand nur so tut, als ob (er etwas unter Kontrolle hat), dann merken das die anderen Teammitglieder und derjenige verliert an Glaubwürdigkeit.

Alle drei oben genannten Trainer waren in engen Situationen emotional sehr stark involviert und „explodierten“, jeder auf seine Art, bei „Fehlentscheidungen“. Was ist das denn anderes, als zuzugeben, dass man diese Situation nicht kontrollieren kann? Es passierte jeweils in kniffligen, engen Situationen. Ich habe mir die Wiederholungen noch mal angesehen. In den allermeisten Fällen, gewann das Team, dessen Trainer hochgegangen war, den folgenden Ballwechsel (in der Regel aus dem K1). Negative Auswirkungen des die Kontrolle verloren habenden Trainers auf sein Team konnte ich nicht feststellen. Zugegeben: Diese Blitz-Statistik ist nicht annähernd repräsentativ.

Das Ergebnis hat mich überrascht. Ich hatte tatsächlich vermutet, dass ein explodierender Trainer die Mannschaft vom nächsten Ballwechsel ablenken könne. Aber dann wurde mir klar, dass das zur Diskussion mit Mark passte. Wenn der Trainer in einer solchen Situation freimütig einräumt, diese Sache nicht kontrollieren zu können, dann zeigt er nicht Schwäche sondern verbindet sich mit dem Team. Er täte allerdings gut daran, sich ebenso wie das Team dann bald wieder auf den kommenden Ballwechsel zu konzentrieren.

Gleiches gilt für extrem schlechte Team- oder Einzelleistungen in einem Wettkampf. Dann wenn „der Wurm drin“ ist. Sicher müssen wir uns fragen, was wir im Training falsch gemacht haben und künftig verändern müssen, aber in diesen Momenten, die wohl jeder Trainer bereits erlebt hat, kann der Coach hilflos sein. Alles wurde versucht, es hilft aber nichts. Der Trainer hat keine Möglichkeiten mehr einzugreifen. Er hat die Kontrolle verloren.

Das ist kein Vorwurf. Es ist eine Feststellung und natürlich die Chance dazuzulernen, also zu wachsen. Aber letzteres geht eben nur später und nicht jetzt. Klar ist aber auch: Niemand kann alles kontrollieren. Im Gegenteil. Die meisten Dinge liegen außerhalb unserer Kontrolle. So zu tun, als sei dies anders, führt aus meiner Sicht in die falsche Richtung. Als Trainer (ebenso wie als Spieler) muss ich durch Taten unter Beweis stellen, dass ich mich selbst unter Kontrolle habe und dem Team in engen Situationen helfen kann. Das ist ein entscheidender Unterschied. Im Notfall nur so zu tun, als habe ich mich unter Kontrolle, muss auch beim besten Schauspieler alsbald auffliegen. Das Team, dass seinen Trainer kennt, merkt den Unterschied.

Was aber, wenn ich tatsächlich die Kontrolle über die Ereignisse verloren habe und nicht mehr weiter weiß? Ich bin davon überzeugt und habe es auch bereits einmal anwenden müssen, dass es in einem solchen Fall hilfreich ist, wenn der Trainer auch jetzt ehrlich zum Team ist. Er kann sagen: Ich habe alles versucht. Ich erreiche euch (oder dich) heute nicht. Ich kann erst wieder im Training eingreifen. Jetzt müsst ihr mir und euch helfen. Ihr müsst für euch selbst sorgen.

Die Botschaft ist keine der Schwäche oder Inkompetenz. Es wird klar gemacht, dass ohne die Mithilfe des Teams alle Impulse von außen nutzlos sind. Der Trainer macht auch klar, dass er niemandem helfen kann, der keine Hilfe will. Dieser Weg setzt ganz sicher ein tiefes Vertrauensverhältnis zwischen Trainer und Mannschaft voraus, ohne das es aber eh nicht geht.

Eine Diskussion ist ausdrücklich gewünscht! Bitte nutzt die Kommentarfunktion.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.