Super Bowl: Eine „richtige“ Entscheidung, deren Ausführung schief ging

Seit vergangenen Montag wird Seattle-Seahawks-Coach Pete Carroll mit Kritik überhäuft. Im Super Bowl habe er die „schlechteste Spielzug-Entscheidung aller Zeiten“ gefällt. Selbstberufene Experten versuchen einen der besten Trainer der NFL zu kippen. Doch Carrolls Entscheidung und was er später dazu sagte, kann Trainern in allen Sportarten helfen. Gestern griffen gleich zwei Volleyball-Seiten das Thema auf. Mark Lebedew hier und The Art of Coaching Volleyball hier. Ich möchte dazu noch einiges ergänzen. Zuvor aber für die Nicht-Footballfans eine kurze Zusammenfassung des Geschehens.

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Super-Bowl-Berichterstattung bei NFL.com

In einem der besten Super Bowls in der NFL-Geschichte und ganz bestimmt dem besten der vergangenen Jahre lagen die Seattle Seahawks kurz vor Schluss 24:28 gegen die New England Patriots zurück. Innerhalb kürzester Zeit marschierten die Seahawks bis an die 1-Yard-Linie der Pariots. Mit 26 Sekunden Restspielzeit und einer Auszeit erwarteten „Alle“ ein Laufspiel über den besten Running Back der Liga, Marshawn Lynch. Doch Pete Carroll entschied sich für einen Pass, den fing New England ab. Das Spiel war für die Seahawks verloren. Für Volleyballer passt am ehesten noch dieser Vergleich: Vital Heynen entscheidet bei Matchball Deutschland im WM-Finale nicht Georg Grozer sondern einen Schnellangreifer einzusetzen.

Wie Mark in seinem Artikel schreibt, ist das, was man halt in der und der Situation so tut, einer der größten Stolpersteine für den Erfolg, wenngleich die Umsetzung solch „allgemeinen Wissens“ den Trainer ganz sicher vor Kritik schützt. Ich möchte nicht die in den oben verlinkten Artikeln genannten Argumente wiederholen, aber Carroll hat trotz des schlechten Ausgangs für sein Team „richtig“ und auch nachvollziehbar entschieden. Er hatte den Sieg im Blick, nicht die Vermeidung von harscher Kritik. Wie ungerecht diese manchmal ist, zeigt die Tatsache, dass auch Carrolls Gegenspieler Bill Belichick in die Kritik geriet, weil er sich „ungewöhnlich“ verhielt. Statt eine Auszeit zu nehmen und damit die Uhr anzuhalten, vertraute er seinem Training und damit der Ausbildung seiner Spieler und lies sie machen. Genauso wie Pete Carroll. In einem Spiel, in dem sich beide Gegner auf Augenhöhe begegnen, entscheidet vielleicht ein einziger Spielzug über Sieg und Niederlage. In diesem Fall verteidigten die Patriots schlichtweg brilliant.

Ich finde, man kann es gar nicht genug herausstellen: Wir brauchen als Trainer Vertrauen in unsere Arbeit mit dem Team. Haben wir gut gearbeitet? Hat das Team genügend gelernt? Kennen wir unsere Spieler und ihr Leistungsvermögen? Dann sollten wir der Mannschaft auch in den wichtigen Situationen zutrauen, wie eingeübt zu reagieren. Vertrauen wir unseren Spielern nicht, dann müssen wir wohl die eigene Trainingsarbeit überdenken.

Nur zur Sicherheit: Vertrauen in die Spieler und die eigene Trainingsarbeit sind keine Sieg-Garanten. Aber das Team, das das Vertrauen seines Trainers hat, ist über kurz oder lang dem Team überlegen, dessen Trainer seinen Spielern nicht vertraut (oder vertrauen kann). Treffen zwei Trainer aufeinander, die ihrem Team auch in den entscheidenden Phasen vertrauen (so wie im Super Bowl), muss einer von beiden mit seinem Team verlieren. Richtig gemacht hat er womöglich dennoch alles. Auch wenn die „Experten“ das anders sehen. Carroll bekam übrigens von Belichick Rückendeckung.

Jede Entscheidung birgt auch die Möglichkeit, einen Fehler zu machen. Das müssen wir uns selbst aber auch den handelnden Spielern zugestehen. Die entscheidende Frage ist, habe ich die Spieler darauf vorbereitet, eigenständige „richtige“ Entscheidungen zu treffen, oder entscheide ich als Trainer auch im Training selbst und die Spieler führen nur aus? Letztere brauchen dann natürlich auch im Wettkampf die Ansage des Trainers.

Während im Football jeder Angriffs- und Verteidigungsspielzug durch die Trainer angesagt werden, entscheiden Volleyballer auf dem Spielfeld in der Regel selbst. Basis für die jeweilige Entscheidung sind neben der Vorbereitung durch Scouting auch die eigene Beobachtung und das eigene technische Vermögen. Der Trainer muss sowohl die Beobachtungsfähigkeit als auch die technischen Möglichkeiten jedes einzelnen Spielers kennen, um eine erfolgversprechende Strategie ausarbeiten und einüben zu können. In den Drucksituationen muss der Volleyball-Spieler in der Regel ohne Trainerhilfe die richtige grundlegende Entscheidung treffen und diese dann auf Basis der eigenen Beobachtung und des eigenen Könnens umsetzen.

Das sollten wir als Trainer berücksichtigen, bevor wir unseren Zuspieler dafür kritisieren, dass er nicht den „Grozer“ des eigenen Teams eingesetzt hat. Dazu passt ein eigenes Erlebnis in einem Regionalligaspiel. Mein wie ich damals fand recht unerfahrener Zuspieler spielte bei Matchball das erste erste Tempo des gesamten Fünf-Satz-Spiels (gegen eines der Top-Teams der Liga) statt auf unseren „Grozer“. Und hatte Erfolg. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn das schief gegangen wäre…

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