Spezialisierung im Jugendbereich: Wem hilft sie und wem schadet sie?

Trainer machen Fehler. Einer der häufigsten im Jugendbereich ist es, die eigenen Ambitionen auf die Kids zu übertragen und den jungen Spielern damit den Spaß am Spiel zu nehmen. Eine zu frühe Spezialisierung/Festlegung auf bestimmte Positionen kann so zur Spaßbremse werden. Und ganz nebenbei verhindert sie auch eine breite Grundlagenausbildung in unserer so komplexen Sportart. Aber irgendwann müssen sich Spieler spezialisieren, wenn es denn im Leistungsbereich weiter nach oben gehen soll. Wann ist also der richtige Zeitpunkt dafür? Denn nicht nur die zu frühe Spezialisierung ist ein Risiko. Auch eine zu späte Weiterentwicklung (in diesem Fall in Form einer Spezialisierung) kann den Spieler bremsen.

Und wieder ist das Entscheidende eine individuelle Analyse, aus der individuelle Entscheidungen hervorgehen müssen. Womit wir schon beim nächsten Problem sind: In der Mannschaftssportart Volleyball ergeben sich sehr wahrscheinlich innerhalb eines Jugend-Teams recht unterschiedliche Zeitpunkte für die Einführung einer Spezialisierung. Wie kann ich das als Trainer managen? Wie immer nur mit sehr viel Engagement, Bereitschaft zur Individualisierung und eigenem Fachwissen.

Doch bleiben wir zunächst bei dem, was wir bei der Spezialisierung beobachten. Ich habe U14-Teams gesehen, die auf dem Sechserfeld mit einem 5:1-System antreten. Ich habe aber auch U16-Teams gesehen, die sich auf eine so hanebüchene Art und Weise spezialisiert haben, dass nicht erkennbar war, warum der Trainer welche Rolle im Team verteilt hatte. Es fehlten sowohl die technischen Grundlagen als auch eine taktische Basis für eine sinnvolle Spezialisierung. Ich habe auch die Spätfolgen einer zu frühen Spezialisierung (U14-Beispiel) beobachtet, als 17- und 18-Jährige nicht mit den technischen Anforderungen einer Regionalliga zurande kamen, weil plötzlich Techniken und Handlungen von Ihnen verlangt wurden, die seit Jahren nicht mehr Teil ihres Trainings gewesen waren.

„Wir machen in den USA Fehler bei der Schulung von Jugendlichen“, erklärt der ehemalige National-Zuspieler Lloy Ball in der jüngsten Ausgabe des Volleyball-Magazin. „Die Kids werden in der Ausbildung zu früh auf eine Rolle festgelegt… Das führt dazu, dass die Leute eine Komponente wirklich gut beherrschen, andere Sachen können sie jedoch nicht. Dadurch wird die Spielfähigkeit eingeschränkt.“ Solch früh spezialisierte Spieler sind zwar in der Jugend oft herausragend, können aber später im Erwachsenenbereich, wo die Anforderungen an sie deutlich komplexer sind, nicht richtig Fuß fassen.

Ein Beispiel dafür ist die „Ausbildung“ von Mittelblockern. Viel zu oft müssen die mit beginnender Spezialisierung nicht mehr im oberen Zuspiel agieren. Oder die Technikfehler werden nicht mehr beachtet, weil der junge Athlet in der Jugendrunde ja auch nicht mehr zuspielen muss. Ich habe dieses Beispiel gewählt, weil es zum einen allgemein bekannt ist, zum anderen weil es auf ein weiteres mögliches Problem der Spezialisierung hinweist. Eine Spezialisierung muss eben so wie alle Techniken, die wir beibringen, immer auf die endgültige Anwendung ausgerichtet sein. Wir müssen als Trainer also beachten, was im Alter von 20 von den Athleten verlangt wird. Darauf bereiten wir sie vor, nicht für einen kurzfristigen Erfolg in der Jugend. Leider funktionieren alle Bewertungs- und Belohnungssysteme (auch die für Landesverbände) genau anders herum. Gefördert wird, wer Deutscher U16-Meister wird, nicht wer die wirklich guten Spieler entwickelt, die im Erwachsenenbereich ankommen.

Für die Spezialisierung bedeutet das, dass wir, wenn wir dagegen steuern wollen, für den richtigen Weg das Ziel im Auge behalten müssen. Und das bedeutet für einen Mittelblocker (wie für jeden anderen Spieler auch) zum Beispiel die Fähigkeit, einen präzisen Pass auf die Position IV spielen zu können, wenn der Zuspieler den ersten Ball spielen musste. Ja, auch der Libero kann das tun. Und deshalb muss auch er weiterhin das obere Zuspiel trainieren.

Logischer Weise spielt das Thema der Spezialisierung nicht nur in Deutschland eine wichtige Rolle, wie wir bereits aus den Gedanken von Lloy Ball sehen konnten. John Forman, ein amerikansicher Coach in England, schrieb mir unlängst folgenden Kommentar zum Thema und bestätigte damit, die oben stehenden Überlegungen: „That’s a major discussion in England these days. They’ve got a whole developmental progression through the youth age groups which defines systems of play (6-6, 4-2, 6-2, 5-1) at various levels and when specialization begins. I don’t have the chart in front of me, but I think it’s at the U15/U16 level that they introduce setter specialization, but only in the context of the 2-setter system to maximize the number of setters being groomed. The aim is for something approximating final specialization at the U19/U20 level when they’ve advanced to the 5-1 offense. How closely they follow that outline I couldn’t say, but the objective is to develop players at the top level who are not 1-dimensional.“

Ähnlich denkt auch der österreichische Nationaltrainer Michael Warm. Er schrieb mir: „Ich denke, die Thematik lässt sich nicht so sehr durch eine pauschale Beurteilung lösen. Grundsätzlich bin ich natürlich der Meinung, erst später zu spezialisieren, da ist man sich schon einig. Aber durch eine späte Spezialisierung alleine ist leider noch nicht viel gewonnen. Letztlich ist Alles eine Frage des Trainings, der Kultur, in der die SpielerInnen lernen / trainieren und der Qualität des Feedbacks, das sie bekommen. Grundsätzlich sollten die Spieler natürlich unbedingt erst die Grundtechniken sauber beherrschen, aber andererseits kann es auch ein sehr guter Trainingseffekt sein, sie bereits frühzeitig mit neuen Bewegungsaufgaben (=Spezialisierung) zu konfrontieren. Wie gesagt, wichtiger erscheint mir, dass die Spieler zunehmend besser den Sinn von Bewegungen / Techniken verstehen und dann konsequent an einer Optimierung ihrer Bewegungen arbeiten können.“

Einer guten Entwicklung der Spieler stehen also nicht nur die Ambitionen einiger Trainer sondern auch das Unwissen über die technischen und taktischen Anforderungen im Weg. Hinzu kommt ein Forschungsergebnis aus den USA. The Aspen Institute veröffentlichte von mir bereits hier zitierte Empfehlungen wichtiger Medizin- und Gesundheitsorganisationen und stellt darin klar: „Overuse injuries in children and adolescents “may be caused by training errors, improper technique, excessive sports training, inadequate rest, muscle weakness and imbalances, and early specialization.”  Mit anderen Worten kann eine zu frühe Spezialisierung auch ernsthafte Verletzungen mitverursachen. Auch hier ist ganz sicher fehlendes Wissen um die athletischen Anforderungen des Spiels einer der ausschlaggebenden Gründe.

Zusammenfassend müssen wir als Trainer also zunächst selbst einmal unser Wissen über Technik und Taktik ständig erneuern und dabei auch die gesundheitlichen Aspekte des Jugendvolleyballs erfassen, bevor wir auf Kinder und Jugendliche „losgelassen“ werden können. Nicht zum ersten Mal kommt mir hier die Forderung nach den „besten Trainern in der Jugendausbildung“ in den Sinn. In dem komplexen Teamsport Volleyball sind gerade in der Jugendausbildung so viele schwerwiegende Fehler möglich, die, wie wir gelesen haben, den jungen Leuten nicht nur den Spaß und eine Zukunft auf mittlerem Leistungsniveau nehmen (was allein schon schlimm genug wäre) sondern auch noch gesundheitliche Schäden verursachen können.

All das steht aber manchmal in krassem Gegensatz zu den Erwartungen an die Trainer. Der Verein oder Eltern erwarten oft Titel als Nachweis für erfolgreiches Training. Und da erscheinen Entscheidungen, wie die für eine frühzeitige Spezialisierung (die ja auch nach außen hin richtig „professionell“ aussieht), oft als äußerst attraktiv. Wer kann sich schon mit der Aussage, mein Weg ist zwar jetzt nicht so erfolgreich, aber später schon, in seinem Job behaupten? Hören will das in der Regel kein Vereinsvorstand.

Und doch können Jugendteams auch ohne Spezialisierung erfolgreich spielen. Vielleicht werden sie nicht Deutscher Meister, aber auf Landesebene geht da immer was. Ich habe es mit einem U16-Team ausprobiert. Es geht., ist aber auch für den Trainer sehr viel anstrengender, weil er eben allen Spielern individuell alle Techniken als gleich wichtig beibringen muss.

Ich habe keine Studie über die Vergangenheit heute in der Bundesliga erfolgreiche Spieler. Aber ich bin fast sicher, dass sie nicht alle mit 15 Jahren Deutscher Meister waren, sondern eine relativ lange und sehr gute Grundausbildung genossen haben.

4 thoughts on “Spezialisierung im Jugendbereich: Wem hilft sie und wem schadet sie?

  1. Hallo Oliver,

    erst jetzt bin ich auf deinen Blog gestoßen: Tolles Ding, ich freue mich schon darauf, mich beizeiten durch die älteren Beiträge zu wühlen.

    Zur Spezialisierungsfrage habe ich für mich zwei Gedanken fortgesetzt:
    1. Zur Spezialisierung auf Volleyball überhaupt: Im von dir zitierten Interview weist Lloy Ball auch darauf hin, dass er selbst sich ja erst mit 17 Jahren (!) voll als Volleyballer spezialisiert hat – erfolgreich war er ja trotzdem so einigermaßen 😉 In Deutschland erlebe ich die Diskussion (leider, wie ich finde) meist in Richtung dre Frage: Wie können wir talentierte (und das heißt für die meisten leider vor Allem nur vorausichtlich groß wachsende Kinder) den anderen Sportarten abspenstig machen, wie Fußball, Handball, Basketball, und sie schon ganz früh fest an Volleyball binden? Mir scheint es vielversprechender, auf eine breite Ausbildung zu setzen, und dann vielleicht in der B-Jugend mit leistungsorientiertem Training einzusetzen. Es gibt ja entsprechende Konzepte, wie z.B. die Heidelberger Ballschule.
    2. Zur Frage der Spezialisierung auf bestimmte Positionen: Den Gedanken von Michael Warm, hier nicht zu pauschal zu urteilen, finde ich richtig. Til Kittel hat in seinem Trainerlehrgang, den ich besucht habe, einmal angeregt, dass man durchaus früh spezialisieren sollte – schließlich dauere Lernen einzelner Techniken für den individuellen Spieler eben sehr lange, wenn jeder Spieler (vielleicht sogra noch in jeder Einheit) ein bisschen annimmt, ein bisschen zuspielt, ein bisschen angreift und ein bisschen blockt. Er hat vorgeschlagen (hoffe, ich zitiere hier richtig), deshalb sogar schon von Anfang an zu spezialisieren, aber die Spezialisierungen eben regelmäßig zu wechseln. D.h. ein und dasselbe Kind agiert ein halbes Jahr lang z.B. nur als Zuspieler, danach ein halbes Jahr nur als Annahme-Angreifer, danach ein halbes Jahr nur als Blockspieler, während andere Kinder desselben Teams eben gerade eine andere Spezialisierung erfahren(je nach Verband und Alterstufe gibt es natürlich nicht alle diese Spezialisierungen).

  2. Moin Berti, es wäre schön, wenn es so wie von dir beschrieben gehen könnte. Ich glaube für Deutschland nicht so recht daran. Ich persönlich hätte überhaupt nichts dagegen, wenn Spieler parallel noch eine andere Sportart machen würden. Ich glaube zwar nicht, dass sich daraus große Synergien im Lernen ergäben, aber es würde den Athleten so wie bei Lloy Ball eine reifliche Entscheidung in einem „reifen“ Alter ermöglichen, wenn es denn im Leistungsbereich weiter gehen sollte. Aber an welchen Wettkämpfen nähme der Spieler teil? Im Highschool- und College-System der USA ist das etwas leichter. Die Saison ist kurz und viele andere Ballsportarten haben im Herbst Saison. Außerdem können die Teams ihre Spielpläne selbst beeinflussen, so dass auch auf doppelte Wettkampfbelastungen Rücksicht genommen werden kann.

    Und unser Problem ist doch, dass Volleyball gegenüber Fußball, Handball (nicht nur bei euch ein großes Ding, sondern auch hier oben im Norden) in jedem Fall den Kürzeren ziehen. Ich habe den Eindruck, dass uns gar nichts anderes übrig bleibt, als die Kinder ganz früh „einzufangen“. Wie würdest du denn das Miteinander an den Wettkampftagen organisieren wollen? Hast du dafür schon eine Idee? Ich wäre sehr daran interessiert.

    Über Til Kittels Idee müsste ich noch mal in Ruhe nachdenken. Spontan bin ich nicht so angetan davon, denn die meisten Techniken muss ja jeder Spieler auf dem Feld anwenden können und muss sie deshalb auch trainieren.

  3. Hallo Oliver,

    Dank für deine Gedanken. Mir kommen eine ganze Menge mehr, die ich mal versuche zu ordnen:
    a) Ich glaube schon an Synergie-Effekte. Es wird ja kaum Zufall sein, dass die Sportler die in Ballsport A als „talentiert“ eingestuft werden, auch häufig auch genau die sind, die auch in Sportart B, C und D als talentiert gelten. Das ist insofern ein Indikator, als ich nicht glaube, dass die Eigenschaften, die jemanden zum „Talent“ machen, ererbt sind, sondern erworben, d.h. antrainiert sind.
    b)Was ich meinte ist dies: Ich möchte uns Volleyballer gar nicht so sehr als Konkurrenten der anderen Sportarten sehen (da würden wir nicht gut abschneiden, wie du schon schreibst), sondern ich glaube, dass die Vorteile einer Kooperation (statt einer Konkurrenz) verschiedener Sportarten die Nachteile bei weitem aufwiegen. Ich stelle mir das analog vor, wie verschiedene Volleyballvereine ja in gewisser Weise natürlich auch in Konkurrenz stehen, aber zunächst mal schauen sollten, möglichst viele für Volleyball zu begeistern. Klar finde ich es schade, wenn einer meiner besten Spieler sich mit 16 endgültig für Handball entscheidet. Aber durch eine Kooperation mit den Handballern können wir vielleicht 10 Jugendliche mehr für Sport überhaupt gewinnen oder den frühen Drop-Out verhindern.
    c) Man kann ja die ganze G8-OGS-Geschichte auch positiv sehen. Ich vermute, dass in Zukunft sportliche Aktivitäten sehr viel mehr an die Schulen geknüpft sind und die Rolle der Vereine geringer wird. Daran ist (nur) positiv, dass die Schulen die Koordination der Sportarten übernehmen werden, d.h. es in dieser Hinsicht das deutsche Ausbildungssystem dem anglo-amerikanischen ähnlicher wird.
    d) So wie das System im Moment ist, denke ich, es wäre schon viel gewonnen, wenn die Anzahl und Dauer der Jugendspieltage reduziert würde. Ich bin nicht sicher, ob es klug ist, wie beim Fußball üblich bereits Sechsjährige in 10er-Ligen mit Hin- und Rückspiel gegeneinander antreten zu lassen. Klar wollen sich auch Kinder nicht nur mit ihren Freunden messen. Aber eine Großteil der Zeit reicht ihnen das völlig. Diese Wettkämpfe im ganz jungen Alter streicheln m.E. eher die Egos von Trainern und Eltern als dass sie den Kindern nützen und Freude bringen.
    e) Zu deiner Bemerkung zu Tils Vorschlag. Ich will den gar nicht unbedingt verteidigen, man müsste es halt mal ausprobieren. Aber ich denke, dass entweder frühe Positions-Spezialisierung ein Problem ist oder nicht. Dein Kommentar klingt so, als gäbe es gar kein Problem, weil eigentlich doch jede Position jede Technik häufig anwenden muss. Das stimmt aber m.E. nicht. Klar muss ein AA auch mal zuspielen und ein Z auch mal annehmen. Aber der Punkt der Spezialisierung ist doch, dass in der Ausbildung diese seltenen Situationen eben vernachlässigt werden.

  4. Was daran positiv sein soll, wenn Lehrer den Nachmittag der Kinder organisieren, erschließt sich mir nicht wirklich 😉

    Bei uns in Schleswig-Holstein sieht es so aus, dass wir in der Jugend vier (!) Spieltage zusammen bekommen, die jeweils in Turnierform statt finden. Es sieht derzeit in den jüngeren Jahrgängen so aus, als könnte bald ein neues (regionales) System entstehen, weil dort viele Teams nachrücken. Derzeit fahren wir hier sonntags um 5:30 Uhr in Husum los, um rechtzeitig zum Spieltag in Lübeck zu kommen… So macht’s auch keinen Spaß. Eine Liga für die Vorrunde finde ich eigentlich ganz gut – wenn sie regional beschränkt bleibt und man vielleicht auf acht bis zehn Spieltage käme. Pro Spieltag zwei Spiele je Team. Das müsste doch passen.

    Mein Kommentar zur Spezialisierung war so gemeint, dass ich gegen eine Aufteilung auf Positionen bin, bevor die Grundtechniken nicht bei Allen sitzen. Eine solche Mannschaft spielt zum Beispiel ohne Positionswechsel.

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