Sind das Training von Technik und Individualtaktik sinnvoll voneinander zu trennen?

In meiner mündlichen Prüfung zum A-Trainerschein, die ich auch dank eines ob meiner unglaublichen Aufregung einsichtigen Prüferteams bestand, musste ich mich mit dem großen Unterschied zwischen dem Techniktraining und dem Training der Individualtaktik auseinandersetzen. Wie bereits erwähnt war ich sehr nervös und hatte mich bis dahin eher durch die Prüfung gestammelt. Um es kurz zu machen: Der wesentliche Unterschied ist laut Lehrbuch, dass im Techniktraining alle Aufmerksamkeit auf die Ausführung der Technik selbst gelegt werden muss und Störungen möglichst vermieden werden. Es wird sozusagen in einem geschützten Umfeld trainiert. Erst im Training der Individualtaktik, das auf das der Technik aufbaut, kommen dann komplexere Beobachtungsaufgaben und Entscheidungen hinzu.

Soweit so gut. Mir wurde aber bereits auf der Rückreise von der Prüfung in Köln in den Norden bewusst, dass ich mich mit der Beantwortung der Frage nicht nur wegen der Aufregung schwer getan hatte. Das Lehrbuchwissen war sozusagen aus meinem Gedächtnis verschwunden. Ich trenne nämlich schon lange nicht mehr zwischen dem Training der Technik und dem der Individualtaktik. Denn eine solche Trennung widerspricht meines Erachtens dem, was die Wissenschaft über das Lernen von Bewegungen weiß, wie ich in diesem Blog zum Beispiel hier und hier bereits diskutiert habe.

Wenn also Fähigkeiten und Bewegungen sehr eng mit der Aufgabe verbunden und nicht übertragbar sind, wie Henry bereits 1958 feststellte, und die Optimierung des Transfers vom Training in den Wettkampf  signifikant vom Prinzip der Spezifität abhängt (Bain/McGown), dann müssen auch bereits beim Erwerb einer Technik möglichst viele „Störungen des Wettkampfs“ eingebaut werden. Andernfalls würde man ja auch etwas anderes trainieren – im Beispiel des Angriffs lediglich einen Angriff unter optimalen Bedingungen (ohne Block, bereits auf Angriffsposition, perfekt angenommener Ball…). Und der Transfer hin zur wirklich benötigten Technik (inklusive Individualtaktik) , sagt die Wissenschaft, wäre unglaublich gering.

Natürlich sieht das zunächst einmal im Training viel besser aus, wenn jemand unter optimalen Bedingungen die ersten Bälle schmettert. Aber ohne Transfer in den Wettkampf ist all das nutzlos. Wenn wir also mit unseren Teams arbeiten, muss es uns um die Leistung im Wettkampf gehen. Es ist nicht die Aufgabe eines Trainers, Athleten im Training (von etwas Anderem) gut aussehen zu lassen, sondern sie auf den Wettkampf optimal vorzubereiten.

Ich bin auf andere Meinungen gespannt.

 

 

10 thoughts on “Sind das Training von Technik und Individualtaktik sinnvoll voneinander zu trennen?

  1. Ich sage es ab und zu das Ich höchstwahrscheinlich der deutsche A Lizenz Prüfung nicht überstehen würde. Und das ohne Witz.
    Ich finde es sehr komisch das das deutschsprachige Literatur so weit von das englische. Es sieht so aus als wenn die Deutsche absichtlich andere Sprache ignorieren. Und es ist nicht das sie so viel Erfolg gehabt haben das sie das leisten können.
    Aber jetzt hast du die Lizenz und kannst die Fortbildung besuchen in dem Ich genau diese Thema präsentieren, so wie vor zwei Wochen in Berlin. Da haben wir ein lange Diskussion über laufen als Training gehabt.

  2. Herzlichen Glückwunsch zur bestanden Prüfung!!

    Aus meiner Sicht muss zunächst zwischen „Technikerwerbstraining“ und „Technikanwendungstraining“ differenziert werden. Im Technikanwendungstraining benötigst du zusätzliche Reize (Wahrnehmung, Stressoren) um dich an der Wettkampfsituation zu orientieren. Nur so bekommst du als Trainer die Rückmeldung, ob erlernte Techniken unter Stress im Spiel optimal funktionieren!!

  3. „Teachers who are not actively involved in the learning process themselves, force their students to drink from stagnant water.“
    St. Jean Baptiste LaSalle
    „If I am through leaning, I am through“
    John Wooden

    Diese Zitate eignen sich m.E. gut, um die vielen Dozenten, „Experten“ und Trainer zu beschreiben, die IHRE Wahrheit propagieren und als So-macht-man-das-Rezept verkaufen. Sie haben irgendwann in ihrem Leben von irgendjemandem (der wahrscheinlich genauso handelte, wie sie jetzt) etwas gelernt und nun geben sie ihr Pseudowissen und ihre Erfahrung weiter. Natürlich [a] erheben sie einen Anspruch auf Validität (was sie sagen stimmt, Punkt) und [b] verlangen sie eine genaue Reproduktion der von ihnen vermittelten Inhalte (widergibt man nicht, was sie gelehrt haben, besteht man die Prüfung nicht). Wo bleiben die Fakten? Wo bleibt die Wissenschaft?
    Sich aufzuregen bringt wenig, jene Leute wollen lehren und sind selber unbelehrbar. Falls du McGown kennst, bist du schon auf dem richtigen Weg. Vergiss die Ausbildung und lerne von den Besten, welche, nota bene, selbst nie zu lernen aufhören.

  4. Das Punkt ist das es sollte nicht differenziert werden. Technik existiert nicht ohne das Spiel. Und sollte auch nicht so trainiert. Volleyball ist nicht Turnen.
    Und es geht nicht um Rückmeldung für Trainer sondern lernen der Spieler. Komplextraining ist besser für lernen. Das ist das Punkt.

  5. Beim Pokalfinale in Halle hatte ich den Eindruck, dass alle vier Final-Coaches die A-Prüfung nicht bestehen würden :-). Oder kannst du das Lernphasenmodell im Langhanteltraining beschreiben, Mark? Ich will aber betonen, dass sowohl Atha als auch Jimmy extrem fair geprüft haben und offen für Diskussionen waren. Ich bin gespannt, wie sich die Ausbildung beim DVV und damit die Literatur in Zukunft verändern wird.

  6. Hallo Dirk, ich denke, dass genau diese Differenzierung unser Problem ist. Die Wissenschaft sagt eindeutig, dass Bewegungen, die unter vereinfachten Bedingungen erlernt wurden, nicht auf komplexere Strukturen übertragbar sind. Und da ist die Wissenschaft meines Wissens ziemlich klar. Das Problem ist das, was Mark andeutet: Die deutsche Trainingsliteratur „weigert“ sich schlichtweg, diese Erkenntnisse zu nutzen. Es wird so getan, als gebe es sie gar nicht. Und deshalb kennen auch die meisten Trainer diesen wichtigen Punkt nicht. Auch in anderen Ländern, gibt es Trainer, die diese Erkenntnisse außer acht lassen. Aber sie liegen wenigstens vor.

  7. Da kommen wir zu einem meiner Lieblingsthemen, Alessandro: dem System der Massenbeschulung. Das, was du da beschreibst, ist schlichtweg die Methode, mit der nahezu überall auf der Welt Schüler um die zwölf Jahre lang bombardiert werden. So wachsen wir auf. „Jeder“ sagt, dass es genau so richtig ist. Und plötzlich sollen wir wieder wie früher als Kinder selbständig denken. Das ist hart und schwierig.

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