Prinzip der Spezifität: Darum verschwenden viele Trainer ihre Trainingszeit

Dr. Carl McGown ist einer der erfolgreichsten Trainer in den USA. Mit BYU gewann er zweimal die NCAA-Meisterschaft, war Trainer der amerikanischen Männer-Nationalmannschaft und führte zahlreiche Volleyballer an die Weltspitze. In einer im Juni veröffentlichten Doppel-Episode des Podcasts von Coach Your Brains Out sagt McGown: „Viele Trainer beharren darauf, gegen das grundlegende Prinzip der Spezifität zu verstoßen.“ Und er fragt sich: „Warum?“ Denn wie McGown ausführlich erklärt, ist das Prinzip der Spezifität eines der wichtigsten, vielleicht sogar das wichtigste, wenn es um Sportarten geht, die offene Fertigkeiten (variable Bewegungen) verlangen. Volleyball ist eine davon, Fußball, Handball, Basketball, Eishockey weitere.

Das im deutschen Volleyball nahezu unbekannte Prinzip der Spezifität besagt, dass Fertigkeiten spezifisch und sehr eng mit der Aufgabe oder dem Ziel der Bewegung gekoppelt und nicht übertragbar sind. Daraus folgt, dass Training immer spezifisch ist. Der maximale Erfolg eines Trainings-Reizes kann nur dann erhalten bleiben, wenn der Reiz die Bewegung und Energiesysteme der Sportart widerspiegelt. Im Beispiel: Wer hundert mal gegen die Wand baggert, trainiert genau das. Er wird sehr gut im gegen die Wand baggern. Da aber die Reize für das Baggern im Zielspiel Volleyball ganz andere sind (Ball kommt übers Netz, er muss umgelenkt werden, er muss in einem anderen Winkel gespielt werde etc.), ist das beim gegen die Wand baggern Erlernte wenig oder gar nicht auf das Baggern im Volleyballspiel übertragbar. Die wissenschaftlichen Ergebnisse zum Prinzip der Spezifität sind so eindeutig, dass die These dazu einem Gesetz nahe kommt.

Besonders interessant in dem o.g. Podcast fand ich die Frage von McGown selbst, warum so viele Trainer dieses so wichtige Prinzip außer acht lassen, obwohl sie es kennen (gilt vor allem für die USA, nicht so sehr für Deutschland). In der Diskussion merken die Jungs von Coach Your Brains Out an, dass ja auch die Spieler dieser Trainer sich verbessern, Meister werden, ins Nationalteam berufen werden usw. Wie kann das aber sein, wenn sie doch wissenschaftlich gesehen völlig falsch trainieren? Ein typisches Volleyballtraining ist nicht nur in Deutschland voll von Übungen, die gegen das Prinzip der Spezifität verstoßen und daher wenig bis gar keinen Transfer für den Wettkampf bieten. Und dennoch werden auch diese Spieler zu sehr guten Volleyballern.

Die Antwort von McGown ist für alle Trainer, die das Prinzip der Spezifität beachten, eine große Erleichterung. Diese Spieler verbessern sich während der Wettkämpfe im Training und in der Liga. Dort erlernen sie Fertigkeiten, die ihnen wirklich weiter helfen. Aber eben nur dort. In all den Trainingsübungen, die das Zielspiel nicht abbilden, passiert sehr wenig bis gar nichts. Mit anderen Worten: Diese Trainingszeiten sind völlig verschwendete Zeit. Wer aber auch im Training in jeder möglichen Minute das Zielspiel so genau wie möglich abbildet, der hilft seinen Spielern schneller wirklich besser zu werden. Denn wer seine Athleten bei deren Entwicklung nachhaltig unterstützen will, kommt um das Prinzip der Spezifität nicht herum. Und er muss akzeptieren, dass ein solches Training nicht immer toll aussieht. Es kann bei großen Lernschritten oder im Anfängertraining sogar richtig schrecklich aussehen. Denn es passieren anders als beim gegen die Wand baggern viele Fehler. Doch der Effekt ist gigantisch und alles Erlernte kann komplett ins Zielspiel transferiert werden.

Die genannte Doppel-Folge des Podcasts sei allen Trainern wärmstens empfohlen. McGown erklärt hier auch ausführlich wie Training, das Transfer bietet, aussehen kann sowie warum manchmal nicht das komplette Zielspiel abgebildet werden kann und was dann zu tun ist. Hier geht`s zu Teil 1 der Episode.

2 thoughts on “Prinzip der Spezifität: Darum verschwenden viele Trainer ihre Trainingszeit

  1. Motor Learning fasst einfach nur die Wissenschaft vom Bewegungslernen zusammen. Die Amis sprechen von motor programs. Und in diesem Zusammenhang ist auch das Prinzip der Spezifität entwickelt worden. Im Bewegungslernen geht es also immer darum so zu trainieren, dass der Transfer in die Zielsportart so groß wie möglich ist.

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