Kinder für den Volleyballsport sichten – aber wie?

Beim TSV Husum haben wir vor den Sommerferien das Projekt „Kleine Riesen gesucht“ gestartet. Es wird vom SHVV unterstützt und dort auch entwickelt. Innerhalb weniger Tage haben wir rund 300 Kinder aus 2. und 6. Klassen gesichtet. Sie sollen nach den Ferien in Leistungssport orientierten AGs für 3. und 7. Klassen teilnehmen. Insgesamt wurden gut 30 Kinder ausgewählt, also rund zehn Prozent aller Teilnehmer. Dabei war es äußerst schwierig, für unseren Bedarf geeignete Sichtungskriterien aufzustellen. Wonach suche ich eigentlich bei einem achtjährigen Kind?

IMG_0555Schnelligkeitstest bei den ersten Sichtungen zum Projekt „Kleine Riesen gesucht“

Die meisten Leser wird es nicht verwundern, dass mein Fokus den mentalen Fähigkeiten galt. Zudem ist eine Prognose der athletischen Entwicklung oder späteren Größe bei Achtjährigen eh nicht ganz so leicht. Aber wie teste ich einen Athleten in nur einer Schulstunde zuverlässig? Und wie messe ich in nur 45 Minuten und bei 12 bis 25 Kindern die mentalen Stärken?

Um es vorwegzunehmen: Nur sehr unzureichend. Ich entschied mich am Ende für eine Mischung aus athletischen und Wettkampf-Komponenten, die Aufschluss über die mentalen Stärken geben sollten. Es gab eine reine Größenmessung, drei koordinative Lauf-Aufgaben, in denen in ansteigender Schwierigkeit Beine und Arme koordiniert werden mussten, einen Schnelligkeitstest, der Richtungswechsel beinhaltete und ein wettkämpferisches Ball-über-die-Schnur-Spiel. Letzteres hatten der Leistungssportkoordinator des SHVV, Sascha Krieblin, und der Kappelner Trainerkollege Cord Sliwka gemeinsam entwickelt.

Im Verlaufe der einzelnen Sichtungen stellte sich heraus, dass das Spiel tatsächlich der aufschlussreichste Faktor war. Hier zeigte sich, ob es eine Bereitschaft zum Wettkampf gab, ob die Kinder „Lücken“ erkennen und auch anspielen (durch Werfen) konnten. Bei der anschließenden Auswertung war denn auch das Spiel der erste Ausschlussfaktor. Der zweite Blick galt den koordinativen Fähigkeiten. Erst wenn hier Kinder gleich gut waren, entschied die Aussicht auf Körpergröße. Der Schnelligkeitstest, bei dem zugleich auch die Wettkampfeinstellung überprüft werden sollte, fand dagegen praktisch keinen Eingang in die Auswertungen.

Spannend war, dass gute Ergebnisse im Spiel auch fast immer mit guten koordinatven Fähigkeiten und Schnelligkeit einhergingen. Nach den Sommerferien testen wir die neuen 5. Klassen an den beiden Husumer Gymnasien und auch Kinder an einer dritten Grundschule. Ich werde nach Auswertung des ersten Sichtungsdurchgangs den Schnelligkeitstest und vermutlich auch die koordinativen Aufgaben aus der Sichtung rausnehmen. Zum einen korrespondierten sie wie gesagt in der Regel mit den Spiel-Ergebnissen, zum anderen schaffte es kein einziges koordinativ tolles oder schnelles Kind in die AG, das nicht auch gut im Spiel war. Mit einer reinen Spiel-Sichtung kann ich also den Kindern im letztendlich für mich wichtigsten Punkt viel mehr Zeit geben zu zeigen, was sie drauf haben. Denn schon bei den ersten Sichtungen zeigte sich, dass der ein oder andere im Verlaufe des Spiels (wenn wegen einer kleineren Gruppe mehr Zeit vorhanden war) sichtlich besser wurde.

Und damit sind wir auch bereits beim für mich größten Problem von Sichtungen. Die Tests können nicht mehr als eine zeitlich sehr begrenzte Momentaufnahme sein. Faktoren wie Bauchschmerzen, Zoff in der Schule, Anlaufschwierigkeiten in einer neuen Umgebung etc. können das tatsächliche Leistungspotenzial in diesen 45 Minuten stark verfälschen.

Dabei fällt mir der Trainer der Bundesliga-Handballer der SG Flensburg-Handewitt Ljubomir Vranjes ein. Bei einem Vortrag zum Thema „Vom Talent zum Spitzensportler“ sagte Vranjes, dass es aus sportlicher Sicht nicht schlimmeres gäbe als einem kleinen Kind zu sagen, dass es kein Talent habe. Jeder, so der Trainer, habe ein Talent. Es sei an uns Coaches es zu erkennen und zu fördern. Kinder zum Beispiel wegen ihrer Körpergröße auszuschließen (wie es Vranjes als Spieler selbst erlebte) gehöre zu den schlimmsten Dingen, die man einem jungen Sportler antun könne. Zudem gehen den Vereinen in den verschiedensten Sportarten dadurch natürlich auch eine Menge möglicher sehr guter Spieler durch die Lappen.

Welche Erfahrungen habt ihr mit Sichtungen gemacht?

2 thoughts on “Kinder für den Volleyballsport sichten – aber wie?

  1. Hallo Wilhelm, unser Sport bietet den Kindern so viele Möglichkeiten. Ich denke, es steht und fällt alles mit guten Trainern im Nachwuchsbereich. Die Kinder brauchen Spaß aber vor allem die Möglichkeit, sich zu messen und weiter zu entwickeln. Ich glaube, dass das momentan im Allgemeinen eher verpönt ist. Wir sind überall auf Kuschelkurs. Aber sportliche Auseinandersetzung sind wichtig und werden nach meiner Erfahrung angenommen. Zur speziellen Situation bei Jungs habe ich mal vor etlicher Zeit das hier geschrieben.

    Und dann haben wir im Volleyball ja auch immer noch die super Situation, dass die Sportler schneller Erfolg haben können als im Fußball oder Handball etc. Hier in Schleswig-Holstein kannst du es in nur wenigen Monaten in die Landesauswahl schaffen. Mir ist klar, dass die Konkurrenz in NRW größer ist. Aber bei dir am Niederrhein eben nicht und so lässt sich doch zumindest auf Kreisebene schnell etwas erreichen.

    Ich bleibe für mich dabei: Die Kinder gegen die Konkurrenz von Fußball und anderen Sportarten zu bekommen, ist die große Herausforderung.

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