Im Techniktraining: Erst die Schnelligkeit der Bewegung dann die Präzision

Es macht nicht oft Sinn, im Training ein Spiel „miteinander“ auszurufen. Es widerspricht halt der eigentlichen Idee, Punkte zu erzielen, also dorthin anzugreifen, wo kein Gegner steht. Doch in der Phase der ballgebundenen Aufwärmung führt eine solche Vorgabe zu deutlich mehr Ballberührungen und das ist das, was wir gerne wollen. Ich denke, dass in diesem Fall ein Miteinander in Ordnung ist.

Doch mit der Vorgabe, in den Abwehrbereich des Partners auf der anderen Seite zu schlagen, entsteht in der Regel ein ganz besonderes Phänomen in der Technikanwendung. Angegriffen wird ohne Schwung und Spannung, auf vielen Leistungsniveaus auch von unten nach oben etc. Was wir als Coach vorgegeben haben, war aber die Aufforderung zu zielen, nicht die Technik zu verändern. Meiner Erfahrung nach werden Spieler in engen Spielsituationen, in denen ihr Gehirn „mach jetzt bloß keinen Fehler“ vorgibt, auf genau diese falschen Techniken zurückgreifen.

Da sind wir als Trainer gefragt, in den Spielformen „miteinander“ eine saubere Technik und vor allem Tempo einzufordern. Denn die Schnelligkeit des Anlaufs, Sprungs und Armzuges muss immer gleich hoch sein. Es geht ums Zielen, nicht darum einen ganz leichten Ball zu spielen. Das wiederum bedeutet für die Technikausbildung auch bereits bei Anfängern, dass die Schnelligkeit einer Bewegung immer zuerst geschult werden muss. Die Genauigkeit spielt zunächst eine untergeordnete Rolle.

Ich habe dazu einen Beitrag von John Kessel in den Ausbildungsunterlagen des U.S.-amerikanischen Volleyball Verbands USA Volleyball gefunden, in dem er die Wichtigkeit der Schnelligkeit einer Bewegung auf den Punkt bringt. Kessel betont, dass das Erlernen einer Technik mit geringer Schnelligkeit ein Neulernen unter der richtigen Geschwindigkeit erfordert. Die Übungszeit zuvor war also nahezu komplett vergebens. Kessel schreibt wörtlich:

Speed First, Accuracy Second – The whole skill means that speed is first and accuracy is second when judging success and learning a new skill. Learning below the normal speed requires re-learning the skill at the correct speed later. Coaches may understand that speed should come first and accuracy second in learning a skill, but they will say in a match, “Just get it in!” Where did their patience go? This speed point also solves many skill problems in that if a player cannot serve over the net or set very high, have them stop worrying about accuracy and tell them to move their arm(s) faster. The end result is the ball goes farther or higher or faster and the accuracy will follow!“

3 thoughts on “Im Techniktraining: Erst die Schnelligkeit der Bewegung dann die Präzision

  1. Meinem bisherigen Verständnis nach gelten für das Erlernen von Bewegungen folgende Grundprinzipien:
    -vom Leichten zum Schweren
    -vom Langsamen zum Schnellen
    Das galt für mich vom Gehen lernen beim Kleinkind bis zum Bewegungslernen im Sport.
    Dennoch klingt die Argumentation von Kessel spannend und logisch. Gilt diese Theorie vielleicht nur bei Änderungen in der Schlagtechnik? Gibt es weitere Literatur und Untersuchungen dazu?

  2. Ja, diese Prinzipien stehen auch in der Volleyball-Trainingsliteratur. Ich denke aber, dass sie bekannte Erkenntnisse der Forschung ignorieren. Mir sind keine gegensätzlichen Forschungsergebnisse zu „vom Leichten zum Schwierigen“ bekannt. Man darf es nur nicht mit „vom Einfachen zum Komplexen“ verwechseln, da wir wissen, dass Techniken nur in ihrer ganzen Komplexität wirklich erlernt werden können.

    „Fähigkeiten und Bewegungen sind sehr eng mit der Aufgabe verbunden und nicht übertragbar„, fand Franklin M. Henry 1958 heraus. Und mir ist keine vergleichende Studie bekannt, die die Teillernmethode gegenüber der Ganzlernmethode favorisierte.

    Vom Langsamen zum Schnellen dürfte deshalb auch kein großartig wissenschaftlich untermauertes Trainingsprinzip sein. Um es mit Henry zu sagen, ist die Aufgabe eine Technik langsam auszuführen eine andere (zum Beispiel triff ins Feld; Präzision) als die der schnellen Ausführung (von Beginn an die richtige Technik erlernen, nicht das kurzfristige Ziel des Punktes im Fokus haben). Zudem sind die geforderten Bewegungen bei unterschiedlicher Geschwindigkeit in der Ausführung auch stark unterschiedlich. Was viele Trainer nicht wissen, ist, dass die zunächst langsam erlernte Technik eben nicht auf die richtige übertragbar ist. Der Sportler lernt von vorne. Es ist wie mit dem „an die Wand Baggern“ im Volleyball. Ich lerne dabei lediglich gegen die Wand zu baggern, nicht aber einen Aufschlag anzunehmen.

    Denn: „Die Optimierung des Transfers vom Training in den Wettkampf hängt signifikant vom Prinzip der Spezifität ab.“ (Steven Bain/Carl McGown)

    „Training ist spezifisch. Der maximale Nutzen eines Trainingsreizes kann nur erhalten bleiben (dauerhafte Verhaltensänderung), wenn der Reiz die kompletten Bewegungen und Energie-Bereitstellungssysteme der Sportart abbildet.“ (Brent S. Rushall/Frank S. Pyke)

    Die Teillernmethode oder damit vergleichbar einzelne Abweichungen von der angestrebten Technik bei deren Erlernen sorgen also wissenschaftlich erwiesen für große Umwege und natürlich Frust bei den Sportlern. Allerdings brauchen wir für die Ganzlernmethode im Training mehr Geduld. Denn die sichtbaren Fortschritte dauern dort länger. Dafür wird die Wettkampffähigkeit sehr viel schneller erreicht. Und das ist ja auch unser Ziel.

    Das sind die Studien und Texte, die mir gleich zu deiner Frage eingefallen sind.

  3. Super! Vielen Dank für die spannenden Hinweise. Was das ganzheitliche Lernen und das schnellere Erreichen der Spiel- oder Wettkampffähigkeit angeht, bin ich absolut der gleichen Meinung. Im Tennis gehen wir deshalb mittlerweile den Weg, dass wir die Rahmenbedingungen verändern: kleinere Spielfelder, weichere Bälle, kürzere Schläger, etc. Das erlaubt, um im Kontext unseres Themas zu bleiben, Bewegungen mit hohen Geschwindigkeiten. Ob der Transfer der Bewegungsausführung beim Wechsel zum Spiel in größere Spielfelder und zu schnelleren Bällen effektiver ist, wie wenn ich gleich in den Standardbedingungen beginne, ist noch umstritten.

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