Getrenntes Einschlagen einfordern

Während des A-Lehrgangs im Sommer 2012 in Köln hat mich Athanasios Papageorgiou überrascht. Was nicht oft gelang, aber das ist vielleicht ein Thema für einen anderen Post. Er sprach von der Möglichkeit, sich vor einem Wettkampf getrennt einzuschlagen, statt wie üblich gemeinsam die zehn Minuten zu nutzen. Mir war diese Regelung völlig unbekannt. Doch was mich noch viel mehr überraschte, war seine Begründung, warum man das machen solle: Um den Gegner auf dem falschen Fuß zu erwischen und aus dem Konzept zu bringen.

Keine Rede von dem eigentlichen Vorteil einer wettkampfnahen Vorbereitung. Ich greife einige der Fragen von John Kessel auf, die ich hier bereits in einem Post weitergegeben habe: Wie oft kommt es im Spiel vor, dass ein Angreifer ohne Block schmettern kann? Wie oft spielt der Mannschaftskollege einen perfekten Ball an, ohne dass dieser zuvor vom Gegner kam? Wie oft steht ein Angreifer zum Anlauf bereit, ohne vorher eine andere Aktion gehabt zu haben? Wie oft steht der Zuspieler im Match schon am Zuspielort? Die Antwort auf diese rhetorischen Fragen erspare ich mir.

 

Einschlagen, wie ich es bislang organisiert habe

 

Aber davon war im Lehrgang keine Rede. Stattdessen feixte Papa darüber, wie lustig es doch sei, den Gegner zu ärgern. Offensichtlich hatte er auch bereits gute Erfahrungen damit gemacht. Was mich noch viel mehr erstaunte. Das bedeutet ja, dass die meisten Teams in Deutschland (und auch international?) in diesem Fall nicht in der Lage sind, ein fünfminütiges, wettkampfnahes Einschlagen zu organisieren. Kennen sie das also nicht aus dem eigenen Training?

Und noch mal wurde ich überrascht. Bei meinen Nachforschungen über die Regel zum Einschlagen vor einem Spiel kam heraus, dass bis heute das getrennte Einschlagen der Normalfall ist. Sinngemäß steht im Regelheft, dass sich beide Kapitäne darauf verständigen können, die zehn Minuten gemeinsam zu nutzen. Das, was wir heute als normal kennen, war also einmal als Ausnahme gedacht. B-Schiedsrichter aus meinem Umfeld kannten zwar die Möglichkeit des getrennten Einschlagens, konnten mir aber nicht sagen, wer anfängt. Inzwischen weiß ich, dass es das Team mit dem ersten Aufschlag ist.

Da ich wie hier an mehreren Stellen schon beschrieben stetig daran arbeite, mein Training und die Spielvorbereitungen wettkampfnaher zu organisieren, war ich also begeistert von dieser mir bis dato unbekannten Möglichkeit und werde ab sofort ein getrenntes Einschlagen beantragen. Um deutlich zu machen, dass dies nichts mit den von Papageorgiou vorgeschlagenen Taktiken zu tun hat, habe ich die nächsten beiden Gegner bereits im Vorfeld darüber informiert. Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Der Trainer des einen Teams bedankte sich für die Info. Fertig. Zwischen dem Mannschaftsverantwortlichen des anderen Teams und mir entspann sich eine längere E-Mail-Konversation, an deren Ende offenbar weiter sein Eindruck geblieben war, dass ich ihn und seine Mannschaft schikanieren wolle.

Auch in meinem eigenen Team (Regionalliga) hatte es, als ich es im Sommer 2011 übernahm, monatelange Irritationen über die „Abschaffung“ des ihnen bekannten Einschlagens im Training gegeben. Gleiches erlebe ich jetzt in der Diskussion mit Spielern in einer zweiten Mannschaft (Dritte Liga), die ich noch so gut es geht mit betreue. Das Hauptargumente auf Spielerseite scheinen mir dabei zu sein, dass sie „das so brauchen“, und das es so mehr Ballkontakte gebe. Zum einen kann ein wettkampfnahes Einschlagen so organisiert werden, dass die gleiche Anzahl an Ballkontakten (oder mehr) zustande kommt, zum anderen geht es wohl viel eher um lieb gewonnene Gewohnheiten.

Daran ist nichts Schlimmes. Wir alle brauchen Rituale, die uns Sicherheit geben. Aber das Ritual des „normalen“ Einschlagens bereitet uns leider nicht auf das anschließende Spiel vor und macht deshalb schlichtweg keinen Sinn. Also lasst uns neue Rituale entwickeln, die uns dabei helfen, unsere Mannschaften auf Wettkämpfe vorzubereiten. Aber mit dem Hinterfragen von Dingen, die wir „schon immer so gemacht“ haben und dem Blick über den Tellerrand hinaus tun wir uns bekanntlich schwer.

Ergänzung: Seit ich diesen Artikel geschrieben habe, bin ich vielfach zu den Regeln des getrennten Einschlagens gefragt worden. Die sind relativ einfach: Das Team, das den ersten Aufschlag hat, bekommt die ersten fünf Minuten auf dem Feld. Was das Team mit dieser Zeit anfängt, ist ihm überlassen. Wichtig zu wissen ist, dass auch die Zeit für Aufschläge in diesen fünf Minuten enthalten ist. Nach Ablauf der fünf Minuten ist das zweite Team für fünf Minuten auf dem Feld.

2 thoughts on “Getrenntes Einschlagen einfordern

  1. Hallo Stefan, hier mal eine Anmerkung von mir zum getrennten Einschlagen:

    Kurz nach meiner A-Trainerausbildung habe ich diese Möglichkeit selbstverständlich sofort ausprobiert, da ich das ebenfalls sehr spannend fand und hatte mich im Vorfeld über die Regeln informiert.

    Toll! Die gegnerische Mannschaft war vollkommen überrascht, nur leider der Schiedsrichter auch, der mit dieser Regelung nicht vertraut war und schon ging der Schuss nach hinten los! 😉 Totales Chaos! Und wer war schuld? Natürlich ich 😉

    Ganz abgesehen davon, dass ich meine Mannschaft ORGANISATORISCH nicht ausreichend darauf vorbereitet hatte. Sicherlich hatte ich ihnen im Vorfeld alles grob erklärt, aber nicht den Ablauf konkret durchdacht.

    Bei einem zweiten Anlauf dann ein Jahr später klappte alles wunderbar. Im Vorfeld wusste ich, dass ein erfahrener Schiedsrichter das Spiel pfeifen würde. Mein Mannschaftskapitän wurde instruiert, nicht den Aufschlag zu nehmen, damit kein Break zwischen Einschlagen und Spielbeginn entsteht. Weiter habe ich die erste 6/erste 8 einschlagen lassen, während alle anderen Spieler dafür gesorgt haben, die Bälle wieder einzusammeln etc. Das klappte reibungslos und da wir als zweite Mannschaft eingeschlagen haben, war das Chaos bei der anderen Mannschaft vorher umso größer.

    Fazit:

    Hmmh!? Wir haben das Spiel trotzdem verloren! 😉 Nichtsdestotrotz KANN es u.U. in Betracht gezogen werden als Überraschungsmoment, um den Gegner aus dem Tritt zu bringen oder um das von dir angesprochene wettkampfnahe Einschlagen zu praktizieren.

    Grundsätzlich sind mir auch eher gereizte Reaktionen der gegnerischen Trainer auf die Einforderung des getrennten Einschlagens bekannt 😉

  2. Die gereizten Reaktionen haben sich hier im Norden gelegt. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich das getrennte Einschlagen immer schon Tage im Voraus ankündige. Schiris und Teams sind darauf vorbereitet. Ich möchte es ja gar nicht dafür nutzen, den Gegner auf dem falschen Fuß zu erwischen, sondern dafür, meiner Mannschaft eine möglichst wettkampfnahe Vorbereitung zu ermöglichen.

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