Ermüdung macht Sportler krank

Die Geschichte liegt schon etwas zurück. In den NBA-Finals im Juni scheiterten die Cleveland Cavaliers an den Golden State Warriors. Cavs-Star LeBron James machte schlichtweg schlapp. Spätestens ab Spiel drei konnte der Riese sein Team nicht mehr wie gewohnt tragen. Die Warriors dagegen verteilten die Last auf mehrere Schultern und siegten. Zwei grundsätzliche Überlegungen zum Aufbau von Teams, die in unterschiedlichen Sportarten auch unterschiedliche Auswirkungen haben. Ich möchte mich hier alleine auf die physischen und psychischen konzentrieren.

Ronald Martinez/Getty Images

Opfer des NBA-Spielplans und des Superstar-Status im Team: LeBron James

Foto: Ronald Martinez/Getty Images

 

Für den Kommentator von Sport1 war die Sache klar: „:spätestens in den letzten beiden Partien fehlten James Ausdauer, die Umsicht und nicht zuletzt die Führungsqualität…“ Und der Grund für diese Schwächen ist auch bald ausgemacht: „Arroganz schadet James“, lautet die Überschrift. Unterstellt wird dem Athleten, aus Überheblichkeit nicht hart genug zu trainieren.

Ein Urteil, dass von Sportjournalisten (und Trainer) auch immer wieder über Spieler in anderen Teamsportarten verhängt wird. Dann heißt es, der Verein habe sich zu Unrecht auf Spieler A verlassen oder der Schlussspurt der Saison habe gezeigt, dass Spieler B seiner Aufgabe nicht gewachsen gewesen sei.

Nur zwei Tage vor dem Kommentar bei Sport1 erschien bei ESPN ein Artikel, der sich aus wissenschaftlicher Sicht mit der enormen Belastung von LeBron James befasste. Selbes Thema, andere Sichtweise und kompletter Freispruch für James.

Berichtet wird über das Treffen von Athletiktrainern und Wissenschaftler einiger Top-Clubs der englischen Premier League und der Rugby-Verbände von England, Schottland und Wales. Dozent war Michael Young, der in Cary, North Carolina, das Athletic Lab leitet. Thema: Wie können hochbezahlte Athleten gesund gehalten und gleichzeitig zu Bestleistungen angespornt werden?

In der NBA sei das praktisch unmöglich, wird Young zitiert. Es sei unvorstellbar, quer durch die USA von Cleveland nach San Francisco (Warriors) zu reisen und am nächsten Tag 50 Minuten (LeBron James) in einem Wettkampf auf dem Parkett zu stehen. „Der Reisestress allein kann schon schwächend sein. Und dazu kommt noch die mentale und körperliche Last, das es zu diesem Zeitpunkt praktisch ein Ein-Mann-Team ist. Das ist einfach überwältigend.“

Während eines NBA-Finales müssen die Basketballer drei Spiele in fünf Tagen absolvieren. In den Knochen haben sie bereits eine Saison mit 82 Spielen plus drei Best-of-seven-Serien in den Play Offs. Young zitiert wissenschaftliche Untersuchungen, die belegen, dass je mehr ein Athlet spielt, desto höher die Gefahr für Verletzungen ist. Im europäischen Fußball zum Beispiel steigt die Verletzungsquote schon bei mehr als einem Spiel pro Woche signifikant an. Weitere Studien über die Ermüdung von Sportlern fanden heraus, dass sich zum Beispiel Rugby-Spieler nach Siegen schneller erholen als nach Niederlagen. Schlafentzug durch zu kurze Erholungsphasen und lange Reisen zum nächsten Wettkampf kann die gleichen Symptome wie bei einem Betrunkenen hervorrufen. Zudem belegen mehrere Studien, dass lange Reisen, in denen man in andere Zeitzonen kommt, ernsthafte Auswirkungen auf die Erholungsfähigkeit der Muskulatur haben können.

Und zu guter Letzt noch dieses Untersuchungsergebnis: Für den Durchschnittsmenschen sind zehn Minuten Springen und Sprinten mit voller Kraft pro Woche die Grenze der Belastbarkeit.

Nehmen wir ein Durchschnittsteam im Volleyball, das auf unterem Niveau zweimal pro Woche zwei Stunden trainiert und alle 14 Tage einen Wettkampf hat. Schon hier werden die zehn Minuten Sprinten und Springen pro Woche überschritten. Kommen wir in die Bundesliga mit täglichem Training und wöchentlichem Wettkampf ist die Belastung nochmals deutlich gestiegen. Und spielt die Mannschaft dann auch noch in der Champions League und einzelne Athleten in der Nationalmannschaft, kommen mehr Wettkämpfe, weite Reisen und damit auch verstärkte Ermüdungserscheinungen hinzu. Verletzungen sind da fast schon vorprogrammiert.

Wie kann man auch auf niedrigem Leistungsniveau diesen Risiken entgegenwirken und für ausreichende Erholung bei den Athleten sorgen? Damit wird sich einer der folgenden Artikel befassen.

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