Eigenständigkeit, Neugierde und Fehler machen dürfen

Seit 2011 darf ich an der Trainerausbildung des ADAC Schleswig-Holstein mitwirken. Wer hier öfter vorbei schaut weiß, dass ich gerne über den eigenen (Volleyball-)Tellerrand hinaus schaue. Am vergangenen Samstag hatte ich eine Gruppe von C-Trainer-Kandidaten und wir arbeiteten an den Themen Trainerverhalten und Kommunikation. Wie immer bei solchen Anlässen lerne auch ich viel von den Teilnehmern.

Besonders interessant waren dieses Mal die Diskussionen zum Thema Lernen, mit dem ich mich auch bei meiner Hausarbeit zum A-Schein befasst habe (ich arbeite gerade an einer e-Book-Variante, die aber noch etwas dauern kann). Nahezu übereinstimmend erklärten mir die Trainer, dass in ihren Trainingsgruppen jüngere Kinder auffallend selbstständig an Verbesserungen arbeiten würden. „Meistens kommen die Kids nach dem Trainings- oder ersten Wertungslauf zu mir und berichten, was in der und der Aufgabe nicht so gut gelaufen sei“, erzählte mir ein Trainer im Bereich Kart-Slalom. Die Kinder hätten sogar noch die passenden Verbesserungsvorschläge parat und würden diese auch voller Überzeugung vorschlagen.

 

Kart-Slalom

 Wenn der Trainer mit gutem Beispiel voran geht:

Motivierte Coaches bei der C-Ausbildung des ADAC Schleswig-Holstein

(hier eine Übung zum Trainerverhalten)

 

Dies sind Beobachtungen, die  mit denen der meisten Volleyballtrainer, die ich für meine Arbeit interviewte, überhaupt nicht zusammen passen. Dort herrschte viel Frust darüber, dass die jungen Sportler einen Großteil ihrer Eigenständigkeit und intrinsischen Motivation bereits eingebüßt hätten, wenn sie zu ihnen in die Auswahlteams kämen.

Da die Motorsportler hier von sieben- bis neunjährigen Kindern sprechen, wir im Volleyball in der Regel von der Altersgruppe 12 Jahre und älter, vermute ich, dass die Unterschiede tatsächlich in den bis dahin gemachten Erfahrungen der Kinder liegen, nicht in der Sportart selbst. Kinder kommen grundsätzlich neugierig und voller Entdeckergeist auf die Welt. Im Laufe ihres jungen Lebens machen sie aber zahlreiche Erfahrungen, die diese Entdeckungslust bremsen.

In der Regel sind es wir Erwachsenen, die die Kinder – meist gut gemeint – einengen und ihnen im Wege stehen. Zunächst verhindern immer mehr „moderne“ Eltern, dass Kinder ihre Erfahrungen selbst machen dürfen, indem sie schon auf dem Spielplatz vorgeben, welches Spielzeug nun am besten geeignet sei und dabei alle zehn Minuten ein anders vorschlagen, weil ihnen das alte, im Gegensatz zu ihren Kindern, ganz offensichtlich zu langweilig geworden ist (und viele weitere Beispiele). Dann sind die meisten Berliner Kindergärten, die ich kenne, nicht gerade dafür bekannt, Kinder Kinder sein zu lassen. Dort hat der Frühförderwahn längst Einzug gehalten. Dann kommt die Schule, in der eine Pausenglocke bestimmt, für welches Thema ich mich jetzt begeistern muss.

All das bremst die Kinder aus. Und doch erhalten sie sich möglichst lange ihre natürliche Neugierde. Die Kinder, die die zitierten Motorsportler trainieren, sind ganz offensichtlich noch nicht ganz so weit von ihrem eigenen Entdeckergeist oder Spaß am Wettkampf entfernt, wie ihre älteren Volleyball-Kollegen. Diese drei bis vier Jahre machen nach meiner Beobachtung einen wesentlichen Unterschied aus. Und doch können wir als Volleyballtrainer in diesem Alter noch Vieles wieder ausgleichen. Ein richtig langwieriger Prozess wird es aber, wenn aus den Kindern Jugendliche geworden sind.

Mein Trainerkollege hier am Nachwuchsstützpunkt in Husum Cord Sliwka schrieb mir zur bereits erwähnten Hausarbeit: „Ich glaube, dass insbesondere im Sport ein großer Teil an Selbständigkeit mit der fehlenden Straßenspielkultur verloren gegangen ist. Früher haben die Kids sich eigenständig auf der Straße oder dem Bolzplatz getroffen und dort Spiele initiiert und aufrecht erhalten. Das verlangt ein hohes Maß an Selbständigkeit sowohl in den Organisationsstrukturen, als auch in der motorischen Umsetzung. Dieses Element fehlt den Kids heutzutage nahezu vollkommen.“

Im täglichen Training müssen wir uns als Trainer für die Sportler interessieren, eine Beziehung zu den Lernenden aufbauen. Die Verbundenheit mit dem Trainer und den Teamkollegen ist eine wichtige Möglichkeit, intrinsische Motivation bei den uns anvertrauten Sportlern zu aktivieren. Und wir müssen ihnen die Chance geben zu wachsen. An Herausforderungen, an sich selbst. Durch zielgerichtetes Ausprobieren in einer Atmosphäre, die das ermöglicht. Fehler müssen erlaubt sein, manchmal sogar provoziert werden.

 

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