Die Teamuhr: Warum es krachen muss

Zwischen den Jahren habe ich viel Football gesehen. Statt der original Werbung spielt ESPN America kleine Filme ein. In einem sagt New-York-Giants-Head-Coach Tom Coughlin sinngemäß: Es ist wichtiger, ein großartiger Spieler für das Team zu sein, als ein großartiger Spieler. Das ist amerikanisch formuliert, aber jeder Trainer wird ihm zustimmen. In den Mannschaftssportarten muss das Team funktionieren, sonst kann es keine Höchstleistungen geben.

Aber wie bringe ich Einzelspieler zu einem Team zusammen? Nach meinen Beobachtungen haben nicht wenige Trainer in allen Leistungsbereichen (ich eingeschlossen) damit erhebliche Probleme. Ich habe Spitzentrainer gesehen, die das Thema einfach ausgeblendet haben. Viele glauben, sie allein seien für den Teambuilding-Prozess verantwortlich, andere wiederum versuchen jedwede interne Auseinandersetzung (wichtiger Bestandteil des Zusammenwachsens) zu verhindern und unterdrücken.

Im Spät-Herbst war meine Mannschaft an einem sehr kritischen Punkt. Jede Einzelne hatte sich technisch und taktisch verbessert, nur es passte nicht zusammen. Wir verloren ein Spiel nach dem anderen. Ich versuchte zu definieren, warum es als Team nicht gut lief. Und ich kam vor allem zu einem Schluss: Es war zu glatt gelaufen. Mehrere neue Spielerinnen, ein neuer Trainer, und es hatte nicht gerappelt. Es hatte Ansätze dazu gegeben, aber ich hatte sie mehr oder weniger sanft unterdrückt und mehr Teamgeist gefordert. Zum Glück fiel mir jetzt die Teamuhr wieder ein.

Mit anderen Worten: das Phasenmodell des U.S.-Psychologen Bruce W. Tuckman.

Für mich beginnt alles mit der Rolle des Trainers. Er muss sich als Teil des Teams begreifen. Denn das ist er.

Alles beginnt mit der Orientierungsphase (forming). Das Team entsteht. Man ist höflich zueinander, zurückhaltend – kurzum: Man beschnuppert sich. Der Trainer ist zu diesem Zeitpunkt so eine Art Gastgeber. Er gibt eine Orientierung vor, bespricht Ziele. Informationen werden übermittelt.

Entscheidend für den weiteren Prozess ist, dass das Hinübergleiten in die Konfrontationsphase (storming) zugelassen und begleitet wird. Der Trainer wird zum Katalysator. Es wird zu Machtkämpfen kommen, Meinungen werden ausgesprochen, Gefühle werden offen gezeigt. Die Teammitglieder sehen vor allem sich selbst und wollen einen angemessenen Platz erstreiten. Jetzt entscheidet sich, ob die Mannschaft zusammen bleibt oder auseinander fällt (einzelne gehen). Aufgabe des Trainers ist es, bei der Konfliktbearbeitung zu helfen und Wertschätzung für die Teammitglieder einzufordern. Aber er selbst steht auch unter Druck. Der Coach muss seinen Führungsanspruch behaupten, denn er wird stark hinterfragt. Das ist im übrigen völlig unabhängig davon, was für einen Trainingsstil er hat. Die Form des „Widerstands“ wird sich unterscheiden, aber er wird kommen.

Nachdem es vielleicht sogar richtig gekracht hat, beginnt die Kooperationsphase (norming). Es ist die Zeit des Wir-Gefühls. Es wird offen gesprochen, Vertrauen entsteht. Es gibt eine gemeinsame Arbeitsbasis. Das ganze Team kooperiert. Jetzt werden Regeln gefunden und eingeführt. Der Trainer moderiert, leitet an, feiert Erfolge.

Und dann ist das Team endlich da, wo es hinwollte: Die Arbeits-/Wachstumsphase (performing) beginnt. Die ganze Mannschaft arbeitet für den gemeinsamen Erfolg. Alle Energie fließt in diese Aufgabe. Und sie kann nur dorthinein fließen, wenn das Team den gesamten Prozess durchlaufen hat. Dann sind jetzt Spitzenleistungen möglich. Der Trainer lenkt mit weniger Energie, gibt künftige Schritte vor.

Verlässt ein Teammitglied die Mannschaft, oder kommt auch nur ein Spieler neu hinzu kann der ganze Prozess wieder von vorne beginnen. Je größer die Fluktuation, desto wahrscheinlicher der Neustart. Wie lange eine Phase dauert, hängt nicht nur von der Begleitung durch den Coach, sondern auch vom Kommunikationsverhalten der einzelnen Teammitglieder ab.

Die Erinnerung an die Teamuhr hat mir dabei geholfen, die richtigen Schritte zu gehen. Konflikte brachen aus, Spielerinnen machten sich notwendige Gedanken, sprachen mich an. Jetzt ist die Mannschaft dabei, sich als Team zu finden. Und wir gewinnen auch wieder.

7 thoughts on “Die Teamuhr: Warum es krachen muss

  1. Die Teamuhr habe ich oft benutzt um Gruppen im Arbeitsleben zu formen. Meiner Erfahrung nach scheitert es sehr früh schon an unterdrückten Konflikten, Machtansprüchen und Unausgesprochenem, was sich dann hochspielt. Im Büroalltag fällt dies sicherlich später auf weil die Möglichkeiten der Kompensation größer sind und so lange es ja irgendwie läuft… Dabei spielt es meiner Erfahrung nach keine große Rolle, ob es sich um Frauen oder Männer handelt. Beide „haken“ an der gleichen Stelle, nur äußert es sich anders. Ich bin mir garnicht so sicher, ob dieses aber beim Sport durchaus eine Rolle spielt. Ich denke die Professionalität im Umgang mit dem Zurückstellen des eigenen Egos ist evtl altersabhängig oder vom bisherigen Werdegang. Hast Du Erfahrungen sammeln können ob Beach-Volleyballer z.B. weniger bereit sind, sich zurückzunehmen und für das Team zu leisten? Wie ist der Unterschied zwischen Damen- und Herrenteams?

  2. Ich glaube tatsächlich, dass die bisherige (Volleyball-) Sozialisation eine große Rolle in der Teamfähigkeit spielt. Wenn du mit „autoritären“ Trainern aufgewachsen bist, ist es schwierig, jetzt plötzlich nicht mehr alles unterdrücken zu sollen. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass der Unterschied zwischen Unterdrücken und Zurückstellen ein wesentlicher ist. Was raus muss, muss raus. Wenn mir aber etwas nicht besonders auf den Nägeln brennt und ich es im Sinne einer bestimmten Trainingssituation zurückstellen kann, dann gehört das zu einem funktionierenden Team dazu. Das muss aber im Team erarbeitet werden.

    In Sachen Beach-Volleyball fehlen mir bislang die großen Erfahrungen. Ich glaube aber nicht, dass die Bereitschaft oder Fähigkeit, sich zurück zu nehmen, nur weil sie zu Zweit sind, geringer ist. Es ist bei Beach-Teams aber in der Regel eine höhere Eigenverantwortung für das Fortkommen und die Trainings- und Turnierorganisation vorhanden.

    In Sachen Damen- oder Herrenteams stimme ich dir zu. Ich habe da keine Unterschiede feststellen können. Die Konflikte werden anders unterdrückt oder ausgetragen, aber es hängt gleichermaßen von der Sozialisation ab, wie schnell alte Strukturen aufbrechen können.

  3. Erschwerend kommt im Volleyball und anderen Mannschaftssportarten bestimmt auch hinzu, dass ein Team garnicht die Zeit hat, sich zu formen und gesund zu entwickeln. Da muss es schnell „krachen“ um sich zu sortieren und durchzustarten. Vielleicht hat es aber auch den Vorteil, dass sich erst gar keine behindernden Strukturen und Verhaltensweisen einschleifen können.

    Ich habe bisher meistens sehr unterschiedliche Sozialisationen in Gruppen vorgefunden. Wenn die Spielregeln des Trainings erstmal klar sind und die ersten Hemmungen gefallen, korregiert sich vieles innerhalb des Teams selber, da es immer ein Korrektiv innerhalb der Gruppe gibt. Also finde das, wo jeder anders tickt und lasse so die vermeintlich Schwächeren ihr Stärke zeigen. Das löst indirekt Denkmuster.
    Ein unglaublich spannendes Feld!

  4. Die Aufgabe des Trainers ist es nicht teil des Teams zu werden. Ein erfolgreicher Trainer sollte möchlichst kein Teil des Teams sein. Er muss objektiv bleiben, dass kann er nicht als Teammitglied. Hier würde er sofort in die Konflikte des Team involfiert. Er muss vielmehr aussenstehnder Boabachter bleiben und die Phasen forming, storming, norming anleiten und performing ermöglichen in dem er die Rahmenbedigungen schafft. Der Trainer nimmt am perfoming wenn nur als Berater teil nicht als schaffender.

  5. Hallo Sebastian,

    darüber habe ich auch sehr lange nachgedacht, bin aber zu einem anderen Schluss als du gekommen. Ich bin der festen Überzeugung, dass der Trainer fester Bestandteil des Teams ist. Er ist eben niemand, der über dem ganzen schwebt. Und Objektivität gibt es auch nicht, wenn er „Außenstehender“ wäre. Der Trainer trifft Entscheidungen und es gibt keine rein subjektiven Entscheidungen.

    Und natürlich ist der Trainer in sämtliche Konflikte im Team involviert. Auch, wenn sich zwei Spieler untereinander streiten, hat das Auswirkungen auf das gesamte System. Der Trainer muss der „Anführer“ im Team sein, darum kommt er nicht herum, aber er ist meiner Ansicht nach im Team und nicht außerhalb.

    Ein Trainer, der lediglich anleitet und durch innere Einstellung, Gesten/Mimik und Handlungen deutlich macht, dass er nichts zurück bekommen möchte, also außen vor ist, wird keine eigenständig denkende und handelnde Mannschaft entwickeln. Das wiederum halte ich für nachhaltigen Erfolg (auch außerhalb des Sports) für unabdingbar. Die Folge sind Spieler, die die ganze Zeit auf Anweisungen und Beurteilungen warten – so wie im System Schule.

    Ich möchte das für mich und meine Spieler nicht.

  6. Was kommt eigentlich nach der Performing-Phase? Wenn ein Team alle Phasen erfolgreich durchlaufen hat und dazu erfolgreich war? Wenn Spieler zu „Freunden“ werden? Wen es keine gegenseitige Kritik mehr gibt oder sich keiner mehr traut Kritik zu äußern? Man will ja niemand verletzten? Wenn der Konkurrenzkampf aufgrund des „Alltags“ zum erliegen kommt? Jeder kennt sich, Jeder kennt die Stärken und Schwächen des Anderen? Eine wie ich finde schwierige Situation für Mannschaften und ihren Trainer die lange Zeit unverändert zusammen trainieren und spielen.

  7. Spontan würde ich sagen, dass in diesen Situationen, die Teamuhr von vorne beginnt, da sich die Rahmenbedingungen verändert haben. Es wird nicht mehr gemeinsam Leistung abgeliefert. Der Knackpunkt ist vermutlich der der intrinsischen Motivation. Wollen die von dir beschriebenen Spieler noch mal gemeinsam in die Performing-Phase kommen? Wenn ja, tickt die Uhr von vorne los, weil sich alle neu „kennenlernen“ müssen und vielleicht auch in der Rangordnung ein neuer Platz gesucht wird.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.