Die All Blacks: Alle lernen dazu

Die All Blacks, das Rugy-Team aus Neuseeland, wurde an diesem Wochenende Weltmeister. Und schrieb dabei Sport-Geschichte. Noch nie zuvor war es einer Nationalmannschaft gelungen, die Rugby-Krone zweimal in Folge zu erobern. Eine Meisterschaft zu verteidigen ist generell eine schwierige Sache – zumindest in solchen Ligen/Wettbewerben, die eher ausgeglichen sind. Die deutsche Fußball-Bundesliga ist wohl anders gestrickt. Die große Herausforderung dabei: Wie kann ein großartiges Team weiter wachsen? Der britische Coaching-Experte Mark Upton zitiert in seinem Blog „my fastest mile“ den neuseeländischen Assistenztrainer Gilbert Enoka (übrigens ein ehemaliger Volleyballspieler) mit dem Terminus „going from `great to great´“.

Die All Blacks nach dem Triumph in London. Foto: sportschau.de

Der Schlüssel des anhaltenden Erfolgs ist für Enoka, dass das gesamte Team, nicht nur die Spieler, zu Lernenden wird. Trainer, Betreuer, Management – alle müssen bereit sein, täglich dazu zu lernen. Und das schließt, das möchte ich immer wieder betonen, auch ausdrücklich die Bereitschaft „Fehler“ zu machen mit ein. Wer nicht hinfällt (auch im übertragenden Sinn gemeint), der kann nicht lernen.

Bei dieser Gelegenheit fällt mir wieder der zweite Ballwechsel des EM-Finales 2015 ein, in dem Earvin Ngapeth einen Ball von zwei Meter hinter der Grundlinie nahezu perfekt zur Zuspielposition baggert.

Das Video ruckelt ganz schön, mit meinen technischen Mitteln habe ich es aber nicht besser hingekriegt. Für eine bessere Qualität geht zu diesem Link auf die Seite von laola1.tv und startet bei 8,40 Minuten der Übertragung.

Alle reden über seinen letzten Angriff in diesem Finale oder die drei glanzvollen Rettungstaten hintereinander, bei denen er einen Ball kurz vor dem Hallenausgang rettete. Alles tolle Aktionen. Für mich war aber dieser eine Ball die beste Szene des französischen Nationalspielers im gesamten Turnier. Es war erst der zweite Ballwechsel des Spiels (des Finales) und doch war Ngapeth voll da und nahm ausdrücklich einen möglichen „Fehler“ in Kauf. Wäre der Ball nur einen Meter weiter geflogen, hätte er dagestanden, wie der „letzte Depp“. Doch sein Mut, sein Fokus und seine Bereitschaft, ein Risiko einzugehen (und die Sicherheit für all das auch im Falle des „Scheiterns“ nicht bestraft zu werden), wurden belohnt.

Was mich zurück zum Blogbeitrag von Mark Upton bringt. Er erinnert sich an ein Gespräch mit dem ehemaligen Cheftrainer der All Blacks, Graham Henry. Der hatte ihm gesagt, dass es Ziel des Trainerstabs sei, aus abhängigen Spielern, unabhängige zu machen. Warum? Weil sie so selbst für ihre Entwicklung sorgen können und „wir sie nicht ständig dahin treiben müssen“. Ziel ist es also, Jedem im Team echtes Lernen zu ermöglichen. Henry wird so zitiert: „…highly dependent young people being paralysed when the opportunity or requirement arises to act independently…“. Vor allem die jüngeren Spieler kamen voller Abhängigkeiten von Lob, Motivation und anderen äußeren Faktoren in die Nationalmannschaft. Ich habe über die Wichtigkeit intrinsischer Motivation hier bereits mehrfach geschrieben. Zum Beispiel hier und hier.

Coaching ist also auch immer wieder aufs Neue die Aufgabe, Athleten aus der gemütlichen Komfortzone heraus zu bewegen und in die Wildnis „auszusiedeln“. Sie unabhängig zu machen und zu eigenständigem Lernern auszubilden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.