Der Zeitgeist sagt: Leistung ist nicht sexy

Wer trainiert heute eigentlich noch leistungsorientiert? Das heißt, welcher Volleyballer bringt genügend Schwung, Wille und Motivation mit, gemeinsam mit seinem Team Höchstleistungen zu erreichen? In ihrer Podcast-Folge zum Thema „Unter Druck Leistung bringen“ gehen die Jungs von Coach Your Brains Out schlichtweg davon aus, dass Sportler grundsätzlich in bestimmten Situationen Druck empfinden. Das mag auch eine kulturelle Frage sein. In Deutschland gilt es wenn überhaupt aber nur für das Top-Niveau. Spätestens ab dem mittleren Leistungsniveau ist den Meisten ein Wettkampf nicht besonders wichtig. Zumindest nicht so, dass sie wirklich Druck empfänden, der im Sinne der Diskussion bei Coaching Your Brains Out dazu geeignet wäre, Ihre Leistungsfähigkeit einzuschränken.

Für Profisportler hängt von einer guten Leistung (auch der des gesamten Teams) so einiges ab. Wird der Vertrag verlängert? Bekomme ich bei einem anderen Verein mehr Geld? Gibt es Anerkennung von Fans und Medien? Wie denkt man nach dem Ende meiner Profikarriere über mich? Ist mein Name so gut, dass ich einen anderen Job bekomme? Die letzte (und einzige) Drucksituation auf dem unteren und mittleren Leistungsniveau, die ich in den vergangenen Jahren wahrgenommen habe, war die Frage eines jungen Spielers, ob er den Anforderungen seines Vaters genügen könne. Er machte das beste Spiel seiner Laufbahn. Leider war der Vater nur einmal bei einem Spiel dabei 😉

Leistung ist einfach nicht mehr sexy genug. Sie ist mit viel Arbeit verbunden, verlangt wirkliche Hingabe und echten Verzicht. Heute kann ich berühmt werden, ohne wirklich etwas zu können oder dafür wirklich arbeiten zu müssen. Der Erfolg wird mir praktisch vorbei gebracht, wie die Erfolge der vielen Online-„Stars“ eindrücklich beweisen. Und für den Rest meines Lebens gilt vor allem: nicht auffallen, unter dem Radar hinweg fliegen und auf keinen Fall Verantwortung für Andere empfinden. Gut in etwas sein, wird heute anders definiert als noch vor wenigen Jahrzehnten. Gut hat nichts mehr mit Leistung zu tun, sondern wird in der Regel mit berühmt gleichgesetzt. Es genügt völlig, mit dem so genannten Zeitgeist mitzuschwimmen, um berühmt zu werden. Gut kann praktisch jeder sein und der Weg dorthin ist völlig risikofrei. In diesem Klima haben es leistungsorientierte Menschen, die gesellschaftlich praktisch geächtet sind, sehr schwer. Sie stören nämlich die beruhigende Kuschelei mit dem Zeitgeist.

Die Engagierten werden in jedem Bereich, nicht nur im Volleyball, dramatisch weniger. Ich habe schon oft über die Folgen dieser Ausprägung des Zeitgeistes nachgedacht und denke, dass es auch deshalb einer dringenden Reform unseres Ausbildungswesens im Volleyball bedarf. Für Trainer (im Jugendbereich) erscheint es mir bedeutend wichtiger zu lernen, wie man junge Menschen, die aus diesem „neuen“ System kommen wieder begeistern kann, als Ihnen beizubringen, wie sie das obere und untere Zuspiel vermitteln. Oben kommen immer weniger begeisterungsfähige und risikobereite junge Leute an. Das muss doch ein deutliches Warnsignal sein.

4 thoughts on “Der Zeitgeist sagt: Leistung ist nicht sexy

  1. In den USA ist der Leistungsdruck schon in der High School sehr groß. Viele Spielerinnen wollen sich ein Stipendium „erkämpfen“. Viele Eltern sehen darin die Chance, ihren Kindern ein Studium zu ermöglichen. So gesehen ist die Ausgangsfrage dieser Episode schon für sehr viele Trainer in den USA bedeutend. In Deutschland, wie du richtig sagst, nur für den Spitzenbereich.

  2. Hallo Oliver,
    deinem reizerisch formulierten Titel kann ich nur stellenweise zustimmen. Gerade habe ich eine Dokumentation zum Thema Nachwuchsgewinnung im Fußball gesehen (> http://www.ardmediathek.de/tv/Reportage-Dokumentation/Football-made-in-Germany-Das-Geheimnis-/Das-Erste/Video?bcastId=799280&documentId=36111190). Hier stellt sich die Situation als eine ganz andere dar: Schon 10-jährige Kinder nehmen die Herausforderung an Fußballprofi zu werden und ordnen dem Fußball so einiges unter. Und diverse Menschen in ihrem Umfeld ermöglichen ihn das: Eltern, Trainer, Funktionäre. Diese System selektiert gnadenlos, dennoch findet es Untersützung und Annerkennung – denn der Erfolg ist da. Die Drucksituation – gut zu sein und besser zu werden – ist omnipräsent und startet bereits bei den Nachwuchskickern.
    Trotz des eingangs erwähnten Beispiels, das wohl nur in einem von primär finanziellen Interessen und Macht-/Anerkennungsbedürfnissen geleitete Konstrukt wie Fußball funktioniert, möchte ich dir Recht geben: Die Übernahme von Verantwortung für Gemeinschaften (Familie, Verein, polit. Gruppen, u.a.) nimmt ab! Solidarisches Handeln/Verhalten gegenüber anderen Menschen nimmt ab!
    Grundsätzlich stellt sich mir nun die Frage: Wie weiter? Einerseits können wir uns weiterhin im Rahmen des auf Selektivität und Spitzenförderung ausgelegte Leistungssportsystem bewegen und die Inhalte variieren. Der Rahmen bleibt dennoch der gleiche. Andererseits können wir auch wieder andere Werte in den Vordergrund stellen.
    Hier sehe ich jedoch bereits so einige Schwierigkeiten. Es gibt die Theorie der Pfadabhängigkeit (Pierson), die u.a. pointiert besagt, dass je länger ein Pfad beschritten wird desto schwieriger ein Abkehr von diesem Pfad zu gestalten ist. Mittlerweise sind etliche Fördermaßnahmen von Institutionen (Ministerien, DOSB, LSB, usw. usf.) an numerische Erfolge gekoppelt: Medaillenerfolge, Platzierung bei Meisterschaften, Olympischen Spielen etc. Da das traditionelle Ausbildungssystem mit seinen verschiedenen Erweiterungen und Erneuerungen bis heute durch verschiedenste Stufen funktioniert und verwertbare Individuen rausbringt, sind gänzlich andere Alternativen schwer einzuführen. Dieses traditionelle System, das immerfort numerische Erfolge abverlangt, vollzieht sich dabei auf diversen Ebenen: Im Verein, wo die Mannschaft/SportlerInnen bei lokalen, regionalen, nationalen bis hin zu internationalen gewinnen kann und bei guten Platzierungen auf sich aufmerksam machen kann. An Stützpunkten/Sportschulen, wo SportlerInnen vor einer regelmäßigen Auslese stehen und demzufolge sich ständig beweisen müssen. Medien/Sponsoren, die i.d.R. nur dann aufmerksam werden, wenn es sich „lohnt“ und das Objekt von Nutzen ist. Diese Beispiele können glaube ich mannigfach fortgeführt werden. Gleich bleibt meiner Meinung nach die Autorität, die manchmal deutlich hervortritt (TrainerIn, der/die sagt, wo es lang geht) und oft auch subtil agiert (Was ist wünschenswert? Welchen (gesellschaftlichen, familiären, persönlichen) Druck muss ich mich beugen?). Dieser Machtaspekt scheut mich immer auf den Leistungssport aufzusteigen.
    Es stellt sich also die Frage: „Sollte denn Leistung zwanghaft sexy sein?“ Reicht denn nicht in erster Linie die persönliche Motivation beim Sporttreiben. Sofern ein attratives Umfeld geschaffen wird, stellt sich doch der noch zu definierende Erfolg ein, oder? Vielmehr ist die Frage, wer möchte aus seiner Wohlfühlzone „das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht“ austreten, neue Wege eingehen, mehr Arbeit auf sich nehmen, gegen Windmühlenräder der Mehrheit ankämpfen? Der Wunsch nach einem Paradigmenwechsel steckt hier also bereits fest, da auch hier die Engagierten fehlen, die neues probieren, hierfür Zeit investieren und wohl auch den Unmut der Mehrheit auf sich ziehen.
    Mir schwebt eine Atmosphäre vor, die es ermöglicht in einem freundschaftlichen, zugewandten, dialogorientierten, fehlerzulassenden Umfeld jeden Sportler und jede Sportlerin persönlich und sportliche individuell weiterzuentwickeln. Und das kann ja bei jedem anders aussehen. Insbesondere bei TrainerInnen sehe ich die Schwierigkeit, die Entscheidung der Sportlerin/des Sportlers, egal wie sie ausfällt, zu respektieren und akzeptieren.
    Demnach plädiere ich ebenfalls wie du in deinem Beitrag geschildert hast für eine begeisterungsfähige Volleyballausbildung, die bereits in der TrainerInnenausbildung anfängt. Hier sollte meiner Meinung der Konsens sein, dass nicht auf Selektion und Spitzenauslese trainiert wird; vielmehr sollten auch die Zwischentöne der SportlerInnen erfasst werden und das Verbindende, Solidarische in der Vordergrund rücken, denn nicht jeder Traininingsteilnehmende ist das Volleyballtalent, aber vielleicht ein aufmerksamer Volleyballzuschauer, eine faire Schiedsrichterin, ein begeisterter Kommentator, eine engagierterte Funktionärin oder ein guter Trainer. Volleyballbotschafter also 😉
    Sonnige Grüße aus Berlin
    Martin

  3. Da sprichst du viele wichtige Aspekte an. Ich glaube nicht, dass ein Umdenken von oben gestaltet werden kann. Solange scheinbar genügend Spieler ganz oben ankommen, funktioniert das System. Dass Deutschland nicht auf Dauer in der Weltspitze mithalten kann, kann auch anders erklärt werden.

    Wenn der Verband und die Leistungssportstrukturen zufrieden sind, dann müssen die die Veränderungen einleiten, die unzufrieden sind. Betroffen ist die Mehrheit der Trainer, nämlich die, die im unteren und mittleren Leistungsbereich arbeiten. Niemand wird mich aufhalten, wenn ich mit meinem Team daran arbeite, dass die Spieler Verantwortung für sich und Andere übernehmen, solidarisch denken und handeln und dabei noch viele andere wichtige Dinge lernen. Und wenn jeder Einzelne und das Team gemeinsam dabei auch noch besser wird, würde ich auch keinen Protest erwarten 🙂

    Die Lernatmosphäre, darin stimme ich dir zu, ist entscheidend. Aber dieser Weg ist, wie du völlig richtig sagst, steinig und anstrengend. Wir werden dazu erzogen, ganz anders zu denken und zu handeln. Es ist also einfacher, die Dinge laufen zu lassen, wie sie sind. Aber mir macht das keinen Spaß… Und die Spieler deutlich spürbar von den Veränderungen profitieren, dann werden sie den eingeschlagenen Weg williger und mit Freude weiter gehen. Und wenn ein ganzer Verein so organisiert ist, dann ist es kein Problem, wenn sich die besseren Spieler in einer Mannschaft treffen und die weniger guten in einer anderen. Dann respektieren alle die jeweilige Entscheidung des Anderen und dürfen sich getrost mit ähnlich Denkenden in ihrem Leistungsbereich austoben. Am Ende profitieren alle davon.

    Einen ganzen Verein so aufzustellen, ist allerdings eine ganz andere Hausnummer. Da müssen Befindlichkeiten überwunden werden und auch im Verein kann man sicher sagen: Es läuft doch bislang gut, warum sollen wir da etwas verändern? Aber als Trainer kann ich immer in meiner Mannschaft für eine andere Atmosphäre sorgen und dann können sich auch Spieler, die nicht alle auf demselben hohen Leistungsniveau stehen, zu einem Team verbinden. Dann findet sich im Team für jeden der richtige Platz.

  4. Moin,
    die Glücklichen, die mit dem oberen zehntel der Leistungspyramida arbeiten dürfen, die kriegen davon nichts mit und sind somit erfolgreich und im Recht.

    Es stimmt schon, der Rest der Trainer hat auch einen pädagogischen Auftrag. Vor allem bei nicht so entwickelten Sportarten, ist der Schritt zum Fun-Spieler deutlich schneller getan als zum ambitionierten. Vielleicht laufen viele Kinder gerade deshalb auch nicht mehr in Scharen in die Sporthalle.

    Ich glaube oft, die Einstellung kommt vom Elternhaus. Oder dem Zeitgeist. Oder beidem. Leistung war noch nie sexy und mit immer schon mit Arbeit verbunden. Und zu wenige kommen mit Leistung oben an. Wie viele Götzes, Podolskis, Neues und Schweinis sind auf der Strecke geblieben? Man muss sich vor Augen führen – diese Fußballstars sind die besten 1%. Das heißt auf dem Weg nach oben, wurden Sie nie ausgelesen, 20 andere aber schon! Nicht einmal, sondern die ganze Jugend + Profikarriere lang.

    Oliver hat schon Recht, wir Trainer haben den Luxus gestalten zu können, darum bin ich Trainer und auch kein Spieler mehr 😉

    VG

    Chris

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