Der feine Unterschied zwischen Leader und Leader

„Warum glaubt eigentlich jeder, dass der Quarterback immer der Anführer (eines Football-Teams) ist“, fragte unlängst der Tight End der Chicago Bears Martellus Bennet in diesem Artikel auf NFL.com und löste damit große Überraschung aus. „Eine Offense zu führen und ein Team anzuführen, sind zwei verschiedene Dinge“, erklärte Bennet. Doch im Football sagt halt jeder „Experte“, der Quarterback sei der unumstrittene Anführer des Teams. Diese „Weisheit“ zieht sich praktisch durch jede Football-Übertragung in den USA und die meisten Football-Filme aus Hollywood.

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Leader oder Leader? Lukas Kampa, Zuspieler unserer Nationalmannschaft Foto: lukas-kampa.de

 

Und im Volleyball? Muss der Zuspieler immer der Anführer eines Teams sein? Ich behaupte, dass neun von zehn Trainern genau das sagen, wenn sie nach den wichtigsten Eigenschaften eines Zuspielers gefragt werden. Ich gehörte übrigens auch zu den Neun – bis ich den oben genannten Artikel las. Der Grund für diese allgemeine Einschätzung liegt auf der Hand: Wir sind mit dieser Volleyball-Weisheit aufgewachsen. Doch wie eigentlich immer lohnt sich ein genaueres Hinsehen.

Trainer suchen also als Zuspieler Anführer, die starken Willens sind, ihre Mitspieler mitreißen und immer der erste Ansprechpartner sind – kurz den Anführer ihres Teams. Alles mit Sicherheit wünschenswerte Fähigkeiten und ganz bestimmt braucht ein erfolgreiches Team auch einen solchen Anführer. Aber muss das wirklich der Zuspieler sein?

Die Aufgaben des Zuspielers sind mit denen eines Quarterbacks im American Football vergleichbar, auch wenn letzteres Spiel um einiges komplexer ist als Volleyball. Aber die Anforderungen sind sehr ähnlich. Der, nennen wir ihn Spielmacher, organisiert den Angriff, er verteilt die Bälle auf seine Angreifer und muss dabei ein sehr tiefes Verständnis für die jeweilige Spielsituation haben. Er beobachtet, reagiert, plant voraus. Kurzum, er lenkt und organisiert seinen Angriff.

All das erfordert bestimmte Fähigkeiten. Die eines Anführers gehören aber nicht zwingend dazu. Im Gegenteil. Sie bürden dem Zuspieler, der genau organisieren und ausführen muss, eine zusätzliche Last auf. Ich bin sogar sicher, dass nur wenige Zuspieler die tatsächlichen Anführer ihres Teams sind. Anführer wird wohl eher ein Hammer-Angreifer oder der Trainer.

Ich glaube, dass wir den Begriff Anführer für den Zuspieler besser definieren müssen. Hier passt wohl besser Lenker oder Organisator. Schwieriger haben es da die Amis. Denn dort kann Leader so ziemlich alles bedeuten. Von Anführer über Oberhaupt bis eben hin zu Kopf (des Angriffs).

 

P.S. Gerade lese ich diesen sehr zum Thema passenden Beitrag von Mark Lebedew. Zuspieler Tutton beschreibt selbst, was sein Job ist. Dass er sich dabei nicht als Anführer sah, zeigt schon seine Position auf dem Teamfoto: ganz außen.

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