„Das Einschlagen aus perfekter Situation sollte im Training kaum betont werden“

Was wir mit unseren Spielern im Training nicht erarbeiten, dürfen wir im Wettkampf auch nicht verlangen. Diese Regel des Coachings ist eigentlich ganz simpel. Und doch haben Trainer immer wieder Schwierigkeiten mit dem Begriff des „Wettkampfnahen Trainings“. Ich habe mich an dieser Stelle schon öfter mit dem Thema befasst. Hier etwa oder hier. Seltsam nur, dass es in Deutschland kaum einschlägige Literatur dazu gibt. In unseren Trainerlehrgängen verbringen wir zum Beispiel noch immer viel Zeit mit der Übungsreihe. In diesem Zusammenhang möchte gerne auf einen Artikel in der jüngsten Ausgabe des Volleyball Magazins hinweisen, der eine Untersuchung zum Thema Libero aufgreift und wertvolle Trainingstipps gibt.

Dr. Jimmy Czimek sorgt ohnehin bei manch Trainerkollegen für Stirnrunzeln. Dann zum Beispiel, wenn er dem deutschen „Aufwärm-Wahn“ ohne Ball und Volleyball-Bezug an den Kragen geht. In unserer Branche sind stirnrunzelnde Kollegen eine große Auszeichnung. Jimmy denkt gerne auch mal quer, aber immer wissenschaftlich begründet. An der Deutschen Sporthochschule Köln betreute er die Bachelorarbeit von Jennifer Heins und veröffentlichte mit ihr unter dem Titel „Nie war er so wertvoll wie heute“ die wichtigsten Ergebnisse im Volleyball Magazin. Die Rede ist vom Libero. Untersucht wurden das Annahme- und Abwehrverhalten sowie die Aufgabe als Hauptzuspieler beim Feldzuspiel – alles nach Männer- und Frauenbereich getrennt. Aus allen Untersuchungspunkten leiten die Beiden Trainingstipps ab. Und die unterscheiden sich wohltuend von so manch Übungssammlung.

Teil der Untersuchungen war auch eine Analyse der Annahmequalität insgesamt. Danach kamen die besten vier Teams nach der Hauptrunde der vergangenen Bundesliga-Saison bei Frauen und Männern auf eine Quote von etwa 20 Prozent perfekter Annahmen, ein Drittel war als gut bewertet worden, der Rest aber zum Teil deutlich schlechter. Weiter werden die Unterschiede im Zuspielverhalten bei Männern und Frauen nach schlechter Annahme beschrieben und anschließend folgender Trainingstipp gegeben: „Im Training sollten besonders das Zuspiel und der Angriffsaufbau aus nicht optimaler Position trainiert werden. Das Einschlagen aus perfekter Situation sollte im Training kaum betont werden.“

So einfach, so gut. Die Schlussfolgerung ist logisch und konsequent. An späterer Stelle empfehlen die beiden Autoren auch, die Außenangreifer im Training vor allem nach eigener Annahme angreifen zu lassen. Weil das eben auch im Spiel so ist. Und doch werden auch weiterhin Trainer weltweit wissenschaftliche Grundlagen wie diese ausblenden und mit ihren Athleten Dinge trainieren, die im Wettkampf so nicht mal annähernd vorkommen. Warum, kann ich mir nicht erklären.

One thought on “„Das Einschlagen aus perfekter Situation sollte im Training kaum betont werden“

  1. Warum du dir das nicht erklären kannst Oliver, ist ganz simpel: „Weil es eben schon immer so war“! Deswegen muss man auch unheimlich dicke Bretter bohren, wenn man als Einheimischer (Mitdenker) mal versucht, über den Tellerrand zu blicken. Wie machen es denn die anderen?

    Ich habe mich schon vor langer Zeit von Übungsreihen (selbst bei Anfängern) verabschiedet, sondern bastele mir immer wieder neue, für mein Team passende Spielsituationen, die ich manchmal nur ein einziges Mal nutze und andere wiederum ständig.

    Insbesondere die Ausbildung und das leistungsbezogene Training des Liberos hat noch große Schwächen. In vielen Vereinen findet es schlichtweg nicht statt.

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