Beach- und Hallenvolleyball: Schluss mit dem Synergie-Märchen

Die Beachvolleyball-Saison neigt sich ihrem Ende entgegen – jedenfalls was die Jugendmeisterschaften anbelangt. Hier bei uns in Schleswig-Holstein ist Beachvolleyball die wichtigere Sportart. Der Verband SHVV hat sich auf den Sand spezialisiert, was auch durchaus Sinn macht. Vor allem Jungs aus unserem Bundesland schaffen bundesweit immer wieder tolle Erfolge, in der Halle dagegen schneiden Teams aus dem Norden traditionell ganz schlecht ab. Doch so ganz ohne die Halle geht’s auch in Schleswig-Holstein nicht und deshalb unterstützt der SHVV die so genannte „duale Ausbildung“ und behauptet (ebenso wie der Deutsche Volleyball-Verband, DVV) immer wieder, dass es wertvolle Synergie-Effekte zwischen Beach- und Hallenvolleyball gebe. Was zu beweisen wäre.

Ich will an dieser Stelle nicht auf die nun wirklich ganz offensichtlichen Unterschiede zwischen beiden Sportarten eingehen, sondern konzentriere mich auf die Suche nach möglichen Ähnlichkeiten, die nach der Theorie der Verbände dann ja auch für die jeweils andere Sportart nutzbar sein müssten. Klar ist, dass die Techniken, mit Ausnahme des oberen Zuspiels, große Ähnlichkeiten mit nur wenigen Unterschieden zeigen. Doch das allein reicht natürlich nicht aus, um behaupten zu können, dass ein Sommer im Sand auch der Technikentwicklung in der Halle helfen könnte (oder umgekehrt).

„Fertigkeiten und Bewegungen sind sehr eng mit der Aufgabe verbunden und nicht übertragbar„, schrieb der Prof. of Physical Education an der UC Berkeley, Franklin M. Henry, bereits 1958. Mit anderen Worten: Je mehr Spezifität im Training, desto höher der Transfer von Training zu Wettkampf. Trainingsformen, die Wettkämpfe (unter den Originalbedingungen) simulieren sind von der Transferleistung um vieles höher, wenn es um die dauerhafte Entwicklung und Aneignung von Fertigkeiten/Techniken geht.

Die komplett andere Umgebung im Beachvolleyball (Sonne, Wind, Untergrund etc.) macht also aus Sicht der Forscher einen Transfer in die Halle (oder umgekehrt) zumindest äußerst schwierig, sehr wahrscheinlich aber unmöglich. Auch meine eigenen Beobachtungen und Erfahrungen sprechen dafür. Ich kenne keinen Beachvolleyballer, der vom Sand in die Halle wechselt und aus dem Stand voll da ist. Die Umstellung ist gewaltig und das sieht man. Beispiel unteres Zuspiel: Die Beacher, die ich bei der Rückkehr in die Halle beobachtet habe, baggerten als hätten sie Knoten in den Armen und fanden wochenlang kaum eine gute Position zum Ball.

Auch die mentalen Anforderungen im Beachvolleyball (eher Individualsport) und Hallenvolleyball (Teamsport) unterscheiden sich gewaltig. Immer wieder wird behauptet, dass Beachvolleyballer ihre in diesem Sport erlernten psychischen Fähigkeiten wie Stressbewältigung, Konfliktlösungsfähigkeit, Eigenwahrnehmung, intrinsische Motivation oder Eigenverantwortung mit in die Hallensaison nähmen. Meine Beobachtung ist eine ganz andere. Ich kenne Volleyballer, die in Sand und Halle zwei völlig unterschiedliche Mentalitäten an den Tag legen. Und das muss auch so sein. Denn die Anforderungen in einer Individualsportart unterscheiden sich nunmal erheblich von denen in einer Mannschaftssportart. Ich will nicht bestreiten, dass Beacher unter Umständen auch in der Halle eine bessere Stressbewältigung und Eigenwahrnehmung zeigen können, aber daraus nennenswerte Synergie-Effekte zu konstruieren, scheint mir irreführend.

Wenn nun aber Volleyball in Sand und Halle nur schwerlich miteinander zu verbinden sind – müssen dann nicht die Spielzeiten deutlich besser miteinander koordiniert werden? Die allermeisten Vereine sind auf ihre Sandspieler auch in der Halle angewiesen. Bei der jetzigen Saisonplanung bedeutet das aber eine viel zu geringe Pause für die Athleten mit einer Doppelbelastung. Zum anderen läuft zu dem Zeitpunkt, zu dem die Beacher zu den Hallenteams stoßen, deren Vorbereitung schon seit Wochen. Neben der erforderlichen Umstellung vom Sand in die Halle laufen die Beacher also auch noch einem Trainingsrückstand hinterher.

Ein besonders deutliches Beispiel dafür sind die die KMTV Eagles aus Kiel. Aus der Zweitliga-Mannschaft der Adler spielen gleich sieben (!) Athleten eine ausgedehnte Sandsaison. Dazu kommen noch die auch international erfolgreichen Zwillinge Bennet und David Poniewaz. Wie schwierig es ist, unter diesen Umständen vor allem zu Beginn einer Hallen-Saison eine konkurrenzfähige Zweitliga-Mannschaft aufs Feld zu schicken, erleben die Eagles seit mehreren Jahren. Zum zweiten Mal in Folge schrammten die Kieler nur ganz knapp an einem Abstieg vorbei. In der vergangenen Saison, weil andere Teams zurück zogen, in der davor weil durch die Einführung der Dritten Liga weniger Teams abstiegen.

Von Trainer Thomas Kröger trennte sich der Verein auch aus diesem Grund. Eine Schuldzuweisung, die wie so oft im Sport ungerechtfertigt ist. Wenn der Verein weiterhin in Sand und Halle auf hohem Niveau mithalten will, muss er wohl seine Beach- und Hallenteams voneinander trennen. Aus meiner Sicht wird es Zeit, dass die Verantwortlichen in den Verbänden und Vereinen einsehen, dass unter den gegebenen Umständen (Überschneidungen der beiden Spielzeiten in Sand und Halle) ein sinnvoller Doppeleinsatz von Spielern nicht möglich ist.

Zur dualen Ausbildung des SHVV sehe ich im Norden aber keine Alternative. Die Vereine brauchen zur Finanzierung große Teams in der Halle, aber Beachvolleyball ist hier schlichtweg die Nummer eins. Hallenmannschaften müssen darauf Rücksicht nehmen und Jugendspieler, die im Sand besonders gut sind, können aus den o.g. Gründen nicht ohne viel Verständnis auf Trainer- und Teamseite in die Hallenteams integriert werden. Sie werden (zu Recht) eine Ausnahmestellung haben. Ihr Höhepunkt ist die Beachsaison. Es ist an den Vereinen, die großen Talente im Winter aufzufangen und sie in eine adäquate Hallenmannschaft einzubauen. Aber für die Beacher wird die Hallensaison eher eine Art aktive Erholung sein.

7 thoughts on “Beach- und Hallenvolleyball: Schluss mit dem Synergie-Märchen

  1. Das ist exakt meine Sicht seit langer Zeit. Und ich habe bisher niemanden gefunden, der meine/deine Meinung teilt – zumindest nicht im Bereich des SHVV.
    Der duale Ansatz kommt aus meiner Sicht in der Hauptsache nur deswegen zustande, weil es a) nur für den Beachbereich nennenswerte Zuschüsse gibt (weil die notwendigen Erfolge da sind) und b) es bis heute nachweislich noch keinen einzigen Beachvolleyballer in Deutschland gibt, der nicht dem Hallenvolleyball entwachsen ist.

    Die Frage ist: was kann man oder muss man tun?

  2. Mein Beitrag war für Einige wohl missverständlich. Ich wollte nicht etwa gegen das duale Ausbildungssystem des SHVV schreiben. Im Gegenteil. Aber ich empfinde die Synergie-Versprechen als irreführend. Da wünsche ich mir mehr Klarheit. Um meine Gedanken zu präzisieren, habe ich am Ende des Beitrags einen Absatz angefügt.

  3. Ich bin immer wieder erstaunt wie sehr sich Trainer „aus dem Fenster lehnen“ ohne entsprechendes Datenmaterial, das sowohl signifikante Zusammenhänge liefert als auch reproduzierbar ist. Unter die Kategorie fallen so gut wie alle Äußerungen, die mit „Meine Beobachtung ist…“ oder ähnlichem beginnen.

    Eine wissenschaftliche Quelle, die über 50 Jahre alt ist, zu zitieren machts nicht besser, ob man jetzt „für“ oder „gegen“ die duale Ausbildung ist. Daraus einen Zusammenhang zu konstruieren, mit den Worten „aus Sicht der Forscher“ erscheint mir zumindest gewagt.

    Was mich zu meinem nächsten Punkt bringt.
    Mit welcher Zielstellung startet ein Team wie die KMTV Eagles in die Saison?
    Genau diese Mannschaft hier anzuführen wenn es um die Unvereinbarkeit von Halle und Beach geht ist, naja, sagen wir mal unglücklich, ist doch klar, dass hier erfolgreichen Beachvolleyballern die Möglichkeit gegeben werden soll, gemeinsam hochklassig zu spielen.

    Unter dem Stichwort „variable Verfügbarkeit“, „Technikergänzungstraining“ oder bei welchem Begriff man sich als Trainer auch immer besser wiederfindet sind die Synergien in diesem Bereich womöglich unerschöpflich, einzig stichhaltige Untersuchungen zu dem Thema fehlen.

    Womöglich findet sich mal ein Traineraspirant, der sich diesem Thema im Rahmen einer Diplomarbeit widmet.

  4. Danke für die Eröffnung der Diskussion, „ed“. Zum einen möchte ich behaupten, dass eigene Beobachtung sehr wohl einiges wert sind, zum anderen wird mir nicht klar, warum eine ältere Untersuchung plötzlich nicht mehr gelten sollte? Forschungen haben sicher kein Haltbarkeitsdatum. Gerade im Bereich des Lernens gibt es sehr viele „ältere“ Untersuchungen, die ihre Gültigkeit nicht verloren haben. Ich denke da zum Beispiel an das „Candle Problem“ zum Thema „intrinische Motivation“. Warum also entfernen wir uns von diesem Wissen? Nur, weil es alt ist?

    Du schreibst selbst, dass es keine Untersuchungen mit anderen Ergebnissen gebe. Woran machst du also die womöglich unerschöpflichen Synergien fest?

  5. Das „Problem“ bei eigener Beobachtung (die sich meist auf eine überschaubare Gruppe beschränkt) ist eben, dass die Wahrscheinlichkeit des zufälligen Zusammenhangs sehr hoch ist, was soviel heißt wie, was bei einer Gruppe zutrifft kann unter Umständen bei einer anderen Gruppe garnicht auftreten. Daher sollten wir Trainer mit Aussagen über Allgemeingültigkeit vorsichtig sein.

    Warum eine ältere Untersuchung nicht mehr gelten soll?
    Womöglich gab es in dem vergangenen Jahrhundert neue Erkenntnisse, die diese älteren Ergebnisse obsolet machen. Man könnte auch davon ausgehen, dass sich die Untersuchungssubjekte in dieser Zeit derart gewandelt haben, dass Aussagen neu überprüft werden müssen.
    Gerade im Bereich des Lernens gibts es eben viele Themen, die ständiger Diskussion ausgesetzt sind, wo nahezu im Minutentakt Thesen aufgestellt und wiederlegt werden.
    Hierzu beispielsweise die Entwicklung der Trainingswissenschaften in den letzten 50Jahren. Wir entfernen uns nicht von „altem“ Wissen, wir stellen es zur Diskussion und gegebenenfalls verwerfen wir es als nicht mehr up-to-date.

    Diese womöglich unerschöpflichen Synergien machen sich (wenn man allein die Zahlen betrachtet) dramatisch bemerkbar. Ein Hallenspieler geht auf den Sand und natürlich findet hier ein positiver Transfer statt. Anders ist es wohl kaum erklärbar, dass Teams wie Nummerdoor-Schuil quasi aus dem Stand Beach-Vizeeuropameister werden. (http://de.wikipedia.org/wiki/Beachvolleyball-Europameisterschaft_2007)

    In die andere Richtung: Wie viele Kinder lernen in Brasilien, USA, Argentinien, Kuba, etc. Volleyball im Sand und schlagen dann in der Halle auf? Was diesen Nationen übrigens allen gleich ist, ist die Tatsache, dass die Wettkampfkalender deutlich besser aufeinander abgestimmt sind als in Deutschland.

  6. Sicher ist so manches. was „ed“ hier zum Besten gibt, richtig. Aber ebenso darf man so einiges hinterfragen.

    So hätte ich gerne einen Nachweis, dass in großen Teilen von Südamerika die Kids den Weg vom Strand in die Halle finden? Meine perönlichen Erfahrungen insbesondere mit den USA ist eine andere. Nach meiner Kenntnis, man möge mich korrigieren, spielt Beachvolleyball in Kuba nur eine untergeordnete Rolle. So meine ich zu wissen, dass in Kuba das Hallenvolleyball schon immer Priorität hatte. Auch sind mir nennenswerte Erfolge (Olympiade, WM, AVp Tour etc) kubanischer Athleten für den Bereich Beach nicht bekannt.

    Im Bezug auf USA ist anzumerken:
    Ja, Beachvolleyball wurde hier wohl geboren, die erste professionelle Ausrichtung (AVP) entstand wohl in Kalifornien. Trotzdem findet Volleyball in den USA mit Masse in den Sporhallen der Highschools und Colleges statt; und das hier vornehmlich im Mädchenbereich. Ich bin in der Zeit von 1989 bis 2005 beruflich sehr oft in den USA gewesen. Zumindest in den Bundesstaaten, in denen ich tätig war (Texas, Virginia, Maryland North-Carolina) kannte ich nicht einen Athleten/in, der/die vom Sand in die Halle gewechselt war.

    Sicher gibt es Synergieffekte als Resultat des Betreibens beider Sportarten. Ich möchte aber festhalten, dass es auch beträchtliche Aufwände der Anpassung gibt, will man zwischen Beach + Halle wechseln. Je höher die Professionalität desto größer der Aufwand. Das ist die Erfahrung, die ich in den vergangenen 10 Jahren mit den von mir betreuten überwiegend jungedlichen Athleten (u.a. Finn Dittelbach) machen durfte. Dabei ist es ohne Bedeutung, ob es von der Halle in den Sand geht (anderer Boden und vor allem Wind und Wetter) oder wieder in die Halle. Aus den von mir über meine Athleten gesammelten Daten ergeht eindeutig, dass der Übergang vom Sand in die Halle langwieriger ist, insbesondere, wenn der Athlet in der Halle auf der Zuspielposition spielt. Eine herausragende Bedeutung für den Zeitansatz ist hierbei die sogeannten „Umstellungsfähigkeit“ des Athleten, die oftmals stark variiert.

    Was ist eigentlich so falsch an eigenen Beobachtungen, diese zu analysieren und für den (vielleicht kleinen, uberschaubaren) eigenen Bereich auswerten und zu nutzten. Ich denke, dass bei vielen Trainerentscheidungen die eigene Beobachtung eine bedeutende Rolle einnimmt.

    Für mich stellt sich schlichtweg die Frage: „Wo finde ich die harten Fakten, aus denen die allseits propagierten Synergieeffekte zwischen beiden Sportarten, entnommen werden könnten, damit ich sie für meine künftige Arbeit mit meinen jungen Athleten nutzen kann.

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