Auf der Suche nach sozialen Kompetenzen

Der Head Coach der Nebraska Cornhuskers, John Cook, hat im April dieses Jahres bei einem Vortrag auf die Diskrepanz zwischen dem angemeldeten Anspruch auf Erfolg und den dafür zur Verfügung stehenden sozialen Kompetenzen junger Athleten hingewiesen. Cook sagte: „ … the current generation of college-age students and athletes has a short attention span because everything in their lives is fast, whether it be communicating by e-mail or text messaging“. Alle jungen Leuten heute wollten Dinge sofort, so Cook weiter. Und im Gegensatz dazu: „We know great things take a long time.“

Cook ist sicher, die nationale Meisterschaft auf College-Niveau erfordere herausragende Teamarbeit. Und genau das sei immer schwieriger zu erreichen. Der Husker-Coach hielt ein iPhone hoch. Dieses Telefon sei eine der größten Erfindungen der Menschheit, allerdings erkläre das „i“ im Namen, wie viele junge Leute die Welt heute sähen.

Ich musste, seit ich den Bericht über Cooks Vortrag gelesen hatte, immer wieder an dieses Bild denken und fand in den vergangenen Wochen auch Entsprechungen in meiner Trainerarbeit. Viele meiner Spielerinnen (alle im Uni-Alter) schaffen es nicht, über längere Phasen im Training oder auch über mehrere Trainingseinheiten hinweg konzentriert zu arbeiten. Nicht, das sie nicht wollten. Die Motivation ist gut, die motorischen Grundlagen da. Es fehlt tatsächlich an Geduld und Kampfeswillen und eben der Fähigkeit, über einen längeren Zeitraum fokussiert zu arbeiten. Eine Lehrerin berichtete mir vor einigen Monaten Ähnliches. Es erscheine ihr, als erwarteten ihre Grundschulkinder alle zehn Minuten eine Werbepause. Länger als über diese Zeitspanne sei kein konzentriertes Arbeiten möglich.

Hinzu kommt die von Coach Cook angesprochene Ungeduld vieler Spielerinnen. In den paar Minuten der Aufmerksamkeit müssen auch schwierige Lerninhalte oder Bewegungen perfekt umgesetzt werden können. Sonst drohen Frust und Selbstzweifel. Auf mehr Engagement und die Bereitschaft zum Kampf wartet man als Trainer vergeblich. Das Gegenteil passiert. Immer wieder überraschend ist für mich die Beobachtung, dass diese Sportler nicht die Verbindung zwischen guter Trainingsarbeit und der Chance im Wettkampf eingesetzt zu werden erkennen. Der Frust an Spieltagen potenziert sich, die Wendeltreppe führt die Athleten immer schneller abwärts.

Seit April arbeite ich mit einer neuen Mannschaft beim TSV Wedding (Bezirksliga). Die Spielerinnen haben gute Entwicklungsmöglichkeiten, die von einigen auch genutzt werden. Anderen gelingt es aber nicht, konzentriert und kontinuierlich zu trainieren. Sie fallen im Vergleich zu den anderen zurück. Als Trainer möchte ich diese Spielerinnen nicht zurück lassen und arbeite mit ihnen beharrlich weiter. Doch die Konzentrationsfähigkeit ist so gering, dass diese Arbeit nur sehr schleppend voran kommt. Noch erreiche ich diese Spielerinnen und sehe, dass sie sich weiterentwickeln wollen. Aber es fehlt an Kontinuität, der Frust wächst.

Und hier kommt Cooks Team-Gedanke ins Spiel. Ohne eine intensive und nachhaltige Kommunikation im ganzen Team wird es keine geschlossene Mannschafts-Leistung geben können. Was jetzt passiert? Die Spielerinnen, die in der Lage sind, über einen längeren Zeitraum (eine Trainingseinheit von zwei Stunden schafft noch keine) am Ball zu bleiben, tun dies für sich alleine. Das „i“ im iPhone. Keiner redet mal mit denen, die Probleme haben, spornt sie an, versucht sie mitzuziehen. Es scheint fast so, als sei man froh, die anderen abzuhängen. Auf der anderen Seite senden die Unkonzentrierten Vorwürfe aus. Wie kannst du mich so im Stich lassen? Ausgesprochen wird es nicht. Bei Testspielen fühlen sich die zunächst nicht Eingesetzten offenbar als Ausgestoßene. Der Trainer mag mich nicht. Die ist doch nicht besser als ich. Es ist ihren Gesichtern anzusehen.

Und wieder ist die Reaktion darauf nicht mehr Engagement im Training sondern Rückzug. Nicht eingesetzt zu werden erinnert wohl zu sehr an die Erniedrigungen in der Schule, wenn man vor den Anderen vorgeführt wird. Nicht zur ersten Sechs zu gehören, wird als Abschieben in die Rolle des Außenstehenden empfunden. Man gehört nicht wirklich dazu. Und ein bisschen ist es ja auch so, weil die, die spielen, eben ihr Sieger-Feeling ausstrahlen. Alles wie in der Schule.

Dabei unterscheiden sich Schule und Volleyball-Team so grundlegend, dass es doch jedem auffallen müsste. Zum Training zu kommen, ist eine freiwillige Entscheidung. Ich kann als Athlet die Sportart wählen, mir ein passendes Team suchen. Kein Schulzwang, keine Fremdeinteilung in Klassen. Also komplett andere Regeln. Wenn mich der Trainer nicht von Beginn an spielen lässt, habe ich selbst die Möglichkeit, mich zu verbessern. Niemand zwingt mich dazu. Und immer bleibt die Möglichkeit auszusteigen. Wenn ich also schon mal beim Training bin, mich für diese Sportart, diese Mannschaft entschieden habe – warum dann nicht mit 100 Prozent mitmachen? Sportlicher Wettkampf um einen Stammplatz, ohne die Mitspielerin geschlagen zurückzulassen. Eine sportliche Auseinandersetzung kann keine persönliche sein. Die Mannschaft profitiert davon.

Doch was, wenn die Mannschaft ein diffuser und unverständlicher Begriff geworden ist, weil nur noch wenige mit dem Begriff etwas anfangen können?

Zur technischen und taktischen Arbeit eines Trainers ist heute also auch noch das Trainieren der Grundlagen des Sozialverhaltens gekommen. Während die Gesellschaft nach wie vor behauptet, in der Schule würde dies auch gelehrt, wird das Gegenteil immer deutlicher. Schüler entwickeln Strategien, wie man selbst die Schulzeit am besten übersteht. Wo täglich alles bewertet und eingeordnet wird, Schüler vor anderen gedemütigt werden, geht auch der Blick für den Mitschüler und dessen Situation verloren. Das „i“ im iPhone. Das Team gibt es nicht mehr.

Trainer werden künftig stärker als bislang auf Aspekte wie Teamtraining und eine funktionierende Kommunikation aller Mitglieder der Mannschaft achten müssen. Coach Cook hat Recht, wenn er sagt, dass nur gut funktionierende Teams großen Erfolg haben können.

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