„And hope you don’t get in the way“

Seit Jahren beschäftige ich mich mit dem Thema Lernen. Wie lernen wir am besten? Warum lernen wir in der Schule so wenig? Welche Rolle spielt Freiwilligkeit bei Lernprozessen? usw. Sport ist wie alles Andere auch ein stetiger Lernprozess, der niemals zu Ende geht. Als Trainer ist es meine Aufgabe, die Spieler in ihrer Entwicklung zu unterstützen und zu begleiten. Aber wie mache ich das und was ist das genaue Ziel? Ein Zitat des U.S.-Damen-Trainers Hugh McCutcheon erscheint mir eine gute Grundlage für meine Gedanken zum Coaching:

„… It is about teaching and coaching and if you have a choice you’d rather be a better teacher than coach. If you teach them the right way, they can get out and play just fine on their own and hope you don’t get in the way …“ (Quelle: The Net Live/Mark Lebedew)

Als Trainer seinen Spielern nicht im Weg zu stehen – wow, eine Bemerkung, die einigen Coaches Angst machen dürfte. Viele Trainer, die ich kenne (ich eingeschlossen), sind in dem Glauben aufgewachsen, dass es Jemanden geben muss, der dir sagt, was richtig und falsch ist. Und das am besten rund um die Uhr. Als Trainer bin ich doch so jemand, denken viele Coaches weltweit.

Die Schule ist ein gutes Beispiel für dieses Denken und meiner Meinung nach auch seine auffälligste Ausprägung. Lehrer erklären dir, was du wann wie und wo zu arbeiten hast. Sie sagen dir, wie ein Buchstabe richtig geschrieben wird (es zählt nicht der Spaß am Schreiben) und warum du dieses Bild falsch gemalt hast. Die Regelschule entlässt in der Regel orientierungslose und von Bewertungen abhängige junge Menschen. Die dann, weil sie es 12 Jahre so eingehämmert bekommen haben, das System fortführen.

Und so treffen Trainer auf junge Spieler und „wissen“, dass es richtig ist, diesen keine Freiräume für eigene Entwicklungen, Individualität eben, zu geben. Es ist kein Platz dafür. Wir haben doch gelernt, dass es wichtig ist, dass alle das Gleiche lernen. Und genauso enttäuscht sind diese Trainer (so wie ihre Lehrer zuvor von ihnen) dann davon, dass sich die Spieler nicht alle gleich entwickeln und vor allem kaum Eigeninitiative und Kreativität zeigen. Sie sprechen auch trotz mehrfacher Aufforderung („ihr müsst mehr miteinander (ab-)sprechen“) nicht miteinander. Auch sie lernen in der Schule und von ihrem Coach, dass Eigeninitiative – oder wie hier Absprachen in der Situation – nicht belohnt werden. Bestenfalls werden sie ignoriert, meist aber mit Worten wie „ich entscheide, was ihr macht, haltet euch daran“ abgebügelt.

Volleyball (und andere Sportarten) hat einen ganz wesentlichen Lernvorteil gegenüber der Schule: Unsere Spieler kommen freiwillig zu uns. Und damit ist die wichtigste Voraussetzung für Lernen geschaffen. Jetzt kommt es auf uns als Trainer an, genügend Individualität und Kommunikation auf dem Spielfeld zuzulassen, um den Spielern die bestmögliche Entwicklung zu erlauben. Wir brauchen keine Volleyball-Roboter, die alle die gleichen Bewegungen machen und Entscheidungen treffen. Wenn Hugh McCutcheon davon spricht, den Spielern nicht im Weg zu stehen, dann meint er genau das. Österreichs Nationaltrainer Micha Warm hat mir mal etwas sehr Ähnliches gesagt: Ihm ginge es im Training vor allem darum, die Spieler so hart wie möglich zu fordern und sie im Spiel bestmöglich zu unterstützen.

Für uns Trainer bedeutet das loszulassen. Ja, wir haben hoffentlich eine Menge Know-how, das wir weitergeben können. Und unsere Spieler brauchen dieses Know-how auch. Aber es nicht unsere Aufgabe Wissen in die Spieler hineinzupressen. Zumal das ja auch überhaupt nicht zielführend ist, weil es nicht funktionieren kann. Wir müssen Entwicklungen zulassen und es aushalten, wenn jeder Spieler sich in seinem Tempo entwickelt. Wir können ihn dazu ermuntern, mehr Fahrt aufzunehmen, wir können Anreize schaffen, eine gute Trainingsumgebung schaffen. Und damit haben wir schon alle Hände voll zu tun. Ich glaube, dass das ein guter Weg ist, eine funktionierende Mannschaft zu gewinnen, die bereit ist, ihr Bestes zu geben.

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